Mittwoch, 28. August 2013

Oxford Tales VII: Lehre – Tutorials und Essays

In der Reihe „Oxford Tales“ berichte ich in loser Folge über verschiedene Aspekte meines Erasmusaufenthalts an der University of Oxford.

Meine Zeit in Oxford ist inzwischen schon seit über zwei Monaten vorbei. Am Ende dieses Sommers, in dem mich zunächst ein Praktikum und nun eine Hausarbeit beschäftigen, finde ich endlich Zeit, über das wichtigste Thema zu schreiben: die Lehre in Oxford.

Die Lehre an der University of Oxford zeichnet sich vor allem durch das tutorial system aus. Tutorien sind wöchentliche, einstündige Lehrveranstaltungen, bei denen ein Wissenschaftler (tutor) mit zwei oder drei Studenten ein bestimmtes Thema bespricht. Zur Vorbereitung erhalten die Studenten eine reading list mit zu lesenden Texten. Außerdem müssen die Studenten einen Essay von meist 2000 Wörtern über eine bestimmte Frage schreiben (in naturwissenschaftlichen Fächern kann dies anders sein; insb. in mathematischen Fächern sind oft problem sheets zu lösen). 

Im Tutorium wird das vorbereitete Thema unter Einbeziehung der gelesenen Texte diskutiert. Die genaue Gestaltung des Tutoriums hängt vom jeweiligen Tutor ab. Teilweise müssen Studenten ihre Essays vorlesen oder zusammenfassend erläutern. Andere Tutoren legen mehr Wert auf Diskussion. Insgesamt wird darauf geachtet, dass die Studenten in den Tutorien viel zu Wort kommen. Die Idee von Tutorien und Essays ist es, dass die Studenten sich kritisch mit dem Stoff auseinandersetzen und lernen, eigene Positionen zu beziehen und argumentativ zu untermauern. 

Die Tutorien werden vom jeweiligen College des Studenten organisiert. Es gibt jedoch Kooperationen zwischen den Colleges, sodass viele Tutorien in anderen Colleges stattfinden. Die Tutorien bilden den Kern der Lehre in Oxford. Daneben gibt es Vorlesungen an den Fakultäten. Diese sind als Ergänzung gedacht. Sie eignen sich meist dazu, die Grundlagen des jeweiligen Stoffes zu lernen. Die Vorlesungen werden von Professoren und Dozenten der Fakultäten gehalten, und sind deshalb auch gute Gelegenheiten, um die Vertreter der hohen Oxforder Wissenschaft zu hören. Entscheidend für den Prüfungserfolg dürfte der Besuch der Vorlesungen jedoch nicht sein. 

Das Jurastudium in Oxford unterscheidet sich deutlich vom deutschen. Dies liegt zum einen am englischen Recht, zum anderen am Lehrsystem. Das englische Recht basiert auf nicht kodifiziertem Fallrecht (common law). Das Recht ergibt sich also nicht bzw. nur teilweise aus Gesetzen, sondern vor allem aus Gerichtsentscheidungen. Entsprechend sind juristische Wissenschaft und Ausbildung mit der Auslegung und systematischen Anwendung weniger von Gesetzestexten als von Gerichtsentscheidungen beschäftigt. Besonders  bedeutsam ist es, Rechtsprinzipien, Begründung und Anwendungsbereich von Gerichtsentscheidungen festzustellen und verschiedene Gerichtsentscheidungen von einander abzugrenzen oder in Einklang miteinander zu bringen. Juristische Argumentation in England ist also vor allem eine Art Sachverhaltsarbeit, in Deutschland hingegen Rechtsdogmatik.

Diese diskursive Charakteristik des englischen Rechts wird durch das Oxforder Lehrsystem noch verstärkt. In den Tutorien werden Gerichtsentscheidungen und Rechtsprinzipien diskutiert und bewertet. Während die juristische Ausbildung in Deutschland voll auf Rechtsanwendung konzentriert ist, ist das Jurastudium in Oxford theoretischer. Typische Essayfragen lauten etwa „Wie wenden die Gerichte das Prinzip der Gewaltenteilung an?“ oder „Was sollte mit der Regel aus dem Fall Rylands v Fletcher passieren?“. Der Student ist dabei immer aufgefordert, selbst Position zu beziehen, d.h. das geltende Recht zu bewerten. Dies gilt nicht nur, wenn, wie in der zweiten Frage, explizit nach einer möglichen lex ferenda gefragt ist, sondern auch bei Fragen wie der ersten. 

Damit gibt es vor allem zwei Probleme. Erstens hat man als Student nicht das nötige theoretische Rüstzeug, um das Recht beurteilen, eine Wertung vornehmen und Problemlösungen vorschlagen zu können. Dies gilt sowohl im Privat- wie auch im öffentlichen Recht. So kommt man im Vertragsrechtstutorium zwar immer mal wieder auf die ökonomische Analyse zu sprechen, die Studenten wissen davon aber zu wenig, um damit fundiert argumentieren zu können. Im Verfassungsrecht fehlen einem die Kenntnisse von Verfassungs- und politischer Theorie. Martin Loughlin, inzwischen Professor an der London School of Economics, hat deshalb schon 1992 die Frage aufgeworfen, wie Studenten des öffentlichen Rechts auf Essayfragen mit Wertungselement antworten sollen:
Whence do we expect students to acquire their understanding: common sense, life experience, what they have digested through the media?
Essayfragen enthalten also ein evaluatives Element, aber die Studenten werden nicht befähigt, normative Probleme anzugehen.

Zweitens erscheint es doch recht illusorisch, anzunehmen, ein Student, der sich mit einem Thema ein paar Tage lang auseinandergesetzt hat, könne eigene, d.h. neue, Argumente hervorbringen. Ein weiserer Mensch als ich hat einmal sinngemäß gesagt, dass neue Ideen nur mangelnder Lektüre geschuldet sind. Jede Idee, auf die ein Student selbstständig kommen kann, wird schon irgendwo in der Literatur auftauchen. Nicht notwendig in der reading list; aber die Eigenständigkeit der Idee ist dann nur dem Umstand geschuldet, dass das entsprechende Werk nicht in der reading list vorkommt.

Ein weiteres Problem ist, dass die Offenheit des englischen Rechts und die diskursive Gestaltung des Tutoriums des Öfteren dazu führen können, dass Studenten das Tutorium verlassen mit dem Gefühl, nicht zu wissen, „was denn nun das Recht ist“. Es kommt dabei auf den einzelnen Tutor an, wie sehr ihm daran gelegen ist, den Studenten präzise und anwendbare Rechtsinhalte zu vermitteln. Neben den klassischen Essayfragen, wie ich sie oben beschrieben habe, gibt es nämlich auch sog. problem questions, die einer deutschen Klausur ähneln. Ihr Sachverhalt ist meist kürzer als in Deutschland, was man von der Lösung nicht sagen kann, geht es doch auch bei problem questions meist darum, Gerichtsentscheidungen durch juristische Argumentation von einander abzugrenzen, um ihre Rechtsprinzipien auf den Sachverhalt anwenden zu können. Besonders geübt wird die Rechtsanwendung für problem questions – wie man es etwa aus deutschen Tutorien kennt – nicht.

Im Oxforder Jurastudium lernt man also vor allem, Gerichtsentscheidungen genau zu analysieren, verschiedene Fallgestaltungen von einander abzugrenzen und über Rechtsregeln und ihre Anwendung zu diskutieren. 

Für Erasmusstudenten in Jura gibt es an der Universität Oxford den eigenen Programmtitel Diploma in Legal Studies. Die Erasmusstudenten dürfen drei Kurse aus dem Programm der Bachelor-Studenten aussuchen. Die LMU München schreibt für ihre Studenten dabei Contract und Tort (Deliktsrecht) vor, sodass nur ein weiteres Fach ausgewählt werden kann. Ich hatte mich für Constitutional Law entschieden, da dies meinem Interessengebiet entspricht.

Die drei Kurse des Diploma of Legal Studies finden in den ersten beiden Terms des akademischen Jahres statt. Üblicherweise werden die Tutorien von zwei Fächern in jeweils einem der beiden Terms abgehalten, während das dritte Fach in zweiwöchentlichen Tutorien in beiden Terms gelehrt wird. Der dritte Term ist frei von Tutorien und dient der Vorbereitung der Prüfungen. Tutorien finden mit anderen Erasmusstudenten oder mit den normalen Jurastudenten statt. So hatte ich Contract und Tort mit Erasmusstudenten, während mein Tutoriumspartner in Constitutional Law ein Jura-Anfänger meines Colleges war.

Zu Beginn des zweiten und des dritten Terms sind Probeklausuren zu schreiben. Gegen Ende des dritten Terms werden die Abschlussklausuren abgehalten. Erasmusstudenten schreiben in jedem der drei Fächer eine dreistündige Klausur. Die Aufgaben sind dabei dieselben, die auch den normalen Examenskandidaten gestellt werden. Erasmusstudenten müssen jedoch eine Frage weniger beantworten. Auch die Prüfungen finden in der typischen Oxford-Manier statt. Die Studenten müssen Academic Dress tragen, also den dunklen Anzug mit schwarzer Robe. Während der Prüfung darf abgelegt werden; beim Verlassen des Raums muss der Student allerdings wieder vorschriftsmäßig gekleidet sein. Apropos Raum: der, in dem ich schrieb, war im Gebäude Examination Schools, sehr groß und hoch, mit Stuck, Wandpaneel und Porträts von Staatsmännern. Ich schrieb dreimal unterhalb des Porträts von Kaiser Wilhelm II.

Weniger verwunderlich ist, dass Oxford einen hohen Anspruch an seine Studenten stellt. Nicht zu bestehen ist zwar gleichsam unmöglich, sehr guten Noten sind gleichwohl ebenso schwierig wie in Deutschland. Gute Noten sind aber auch für Erasmusstudenten durchaus zu erreichen.

Über zwei Monate nach meinem Oxfordaufenthalt steht die Reihe Oxford-Tales nun eigentlich am Ende. Zumindest einen gesonderten Schlussbeitrag mit einer Zusammenfassung meiner Erfahrungen möchte ich aber noch demnächst posten. To be continued...

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