Montag, 14. Januar 2013

Der Dicke war's

Es ist weithin bekannt, dass der Mensch seine Umwelt verzerrt wahrnimmt und dass unsere Intuition manchmal so vollkommen danebenliegt, wie wir Anfangs nicht einmal geahnt hätten. Ob Psychologie, Soziologie oder decision theory, ob bias, fallacy oder Vorurteil: Wie wissen wir, was wir glauben zu wissen und wie glauben wir zu wissen, was wir wissen?

Dieses Problem inheränten bias untersuchte jüngst wieder einmal ein Forscherteam der Universät Yale, die ihre Ergebnisse im International Journal of Obesity, 2013, S. 1-7 (Abstract in der Online-Vorabausgabe) veröffentlichen werden (der vollständige Artikel liegt uns vor). Es ging hier um die einfache Frage: Welchen Einfluss spielt eigentlich das Körpergewicht eines Beschuldigten bei der Wahrnehmung von deren Schuld? Hierbei sollte eine neue Nuance zu den inzwischen sehr verbreiteten Verurteilungsstudien hinzukommen - dass etwa attraktivere Menschen weniger oft verurteilt bzw. milder bestraft werden, Männer härter als Frauen bestraft werden und der Angeschuldigte härter bestraft wird, wenn sein Opfer weiblich war, ist meines Erachtens inzwischen hinlänglich belegt (s. etwa Stephan, J Psychol 1974: 88, 305-312; Efran, J Res Pers 1974: 8, 45-54; Darby, Jeffers, Soc Behav Pers: Int J 1988: 16, 39-50).

Dazu legten die Autoren ihren Versuchspersonen einen Sachverhalt und eines von vier Bildern des Angeschuldigten, wahlweise einen schlanken Mann bzw. schlanke Frau oder einen übergewichtigen Mann bzw. eine übergewichtige Frau vor und baten sie, eine Schuldeinschätzung zu treffen.

Hierbei traten die folgenden statistisch signifikanten Unterschiede in der Schuldwahrnehmung zu Tage: Männer sind grundätzlich eher gegenüber dicken Beschuldigten voreingenommen als Frauen und insbesondere waren Männer von der Schuld dicker Frauen öfter überzeugt. Schlanke Männer erkannten in dicken Frauen überdies gleich Wiederholungstäter.

Nun gibt es bei uns keine Jury und auch die Fälle mit Laienrichtern sind eher überschaubar. Jeder Berufsrichter wird weiterhin einwenden, dass er durch seine Erfahrung und Fachkompetenz vor jeglicher Voreinnahme geschützt ist.

Trotzdem halte ich solche Untersuchungen immer wieder für hochinteressant, weil sie uns vor Augen führen, dass wir als Menschen in unserer Entscheidungsfindung eben meist bewusst oder auch unbewusst von so viel mehr Faktoren beeinflusst werden als den objektiv-rationalen, die wir gerne hätten.

Auch und gerade Juristen, die über Schicksale anderer Menschen entscheiden, sollten sich dessen immer bewusst sein.

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