Mittwoch, 5. Dezember 2012

Oxford Tales V: Grundzüge des Jurastudiums in Oxford

In der Reihe „Oxford Tales“ berichte ich in loser Folge über verschiedene Aspekte meines Erasmusaufenthalts an der University of Oxford.

Michaelmas, der erste Term des akademischen Jahres, ist bereits vorbei. Ein Term dauert nur acht Wochen. Am Ende des Terms wird man aus seinem Collegezimmer mehr oder weniger rausgeworfen. Außer man bekommt die so genannte vacation residence für die Ferien gewährt. Das Somerville College braucht aber fast alle Räume für Studien-platzbewerber, die im Dezember für Bewerbungsgespräche (interviews) ins College kommen. So bin ich letzten Samstag nach Deutschland zurückgekehrt.

Das gibt mir Zeit, ein bisschen über die Grundzüge des englischen Jurastudiums zu schreiben, bevor ich in weiteren Beiträgen über meine eigenen Erfahrungen damit berichte.

Wer normal in Oxford Jura studiert, macht den dreijährigen BA in Jurisprudence. Im ersten Jahr lernen die Studenten folgende Fächer:
  • Roman Law (als Einführung ins Privatrecht)
  • Constitutional Law
  • Criminal Law

Am Ende des ersten Jahres gibt es dreistündige Prüfungen in diesen drei Fächern (Law Moderations). Im zweiten und dritten Jahr müssen die Studenten folgende Fächer belegen:
  • Administrative Law
  • Contract Law
  • Jurisprudence
  • Land Law
  • Tort Law
  • Trusts
  • EU Law
  • zwei weitere Standardfächer (z.B. Arbeits-, Familien- oder Unternehmensrecht)

Am Ende des dritten Jahres werden dreistündige Prüfungen in diesen neun Fächern abgehalten. Dabei müssen die Studenten in jedem Fach vier von zehn Fragen beantworten. Die Prüfungen unterscheiden sich deutlich von denen des deutschen Staatsexamens. Die Prüfungsfragen des BA sind grundsätzlich Essayfragen. Es wird bspw. gefragt, ob und wie die Gerichte ein bestimmtes Rechtsprinzip umsetzen und ob diese Praxis ver-besserungswürdig ist. In manchen Fächern, wie etwa Vertragsrecht, müssen daneben auch problem questions beantwortet werden, bei denen es, ähnlich wie im Staatsexamen, um die Anwendung des Rechts geht.

Die Bewertungsskala der Juraprüfungen geht von 0 bis 100% und ist wie folgt eingeteilt:
  • 70% und mehr: First Class (außergewöhnlich gut; wenige Studenten; ein Essay mit 80% gilt bereits als publishable  – veröffentlichbar)
  • 60-69%: Upper Second Class (sog. „2.1“ ; gut bis sehr gut; die meisten Studenten)
  • 50-59%: Lower Second Class (sog. „2.2“ ; vernünftig und akzeptabel; wenige Studenten)
  • 40-49%: Third (noch akzeptabel; sehr wenige Studenten)
  • 30-39%: Pass (noch bestanden; äußerst wenige Studenten)
  • weniger als 30%: Fail (nicht bestanden; sehr selten)

Neben dem normalen BA in Jurisprudence gibt es die Möglichkeit, den vierjährigen BA in Jurisprudence with Law Studies in Europe zu machen. Dabei haben die Studenten in ihren ersten beiden Jahren zusätzliche Veranstaltungen über französisches, deutsches, italienisches, spanisches oder niederländisches Recht und verbringen ihr drittes Jahr an einer der Partneruniversitäten, um dann im vierten Jahr den BA in Oxford abzuschließen.

Der BA ist die einzige Voraussetzung universitärer Bildung, um Anwalt in England und Wales werden zu können. Die Anwaltschaft ist in England und Wales geteilt in solicitors und barristers. Für beide Berufe ist nach der academic stage, also dem Bachelor, eine vocational stage vorgesehen. Wer solicitor werden möchte, muss den einjährigen Legal Practice Course der Law Society of England and Wales besuchen; wer hingegen barrister werden möchte, muss einer der vier barrister-Vereinigungen (Inns of Court) beitreten und den Bar Professional Training Course absolvieren. Die Unterschiede der beiden Anwaltsberufe werde ich in einem der folgenden Beiträge erklären.

Wer nicht sogleich berufstätig werden möchte, hat die Möglichkeit, nach dem BA in Jurisprudence noch einen postgraduate course in Oxford zu besuchen. Bekannt sind vor allem der Bachelor in Civil Law (BCL) für Absolventen einer common-law-Uni und der Magister Juris (MJur) für Absolventen einer civil-law-Uni. Diese entsprechen einem LLM, heißen aber nicht so, weil die Fakultät sie wegen der tutorials für einzigartig hält.

Nicht nur BCL und MJur, sondern auch das normale Studium aller Fächer in Oxford zeichnet sich durch das tutorial system aus. Das tutorial system ist typisch für Oxford und Cambridge; in Cambridge heißen die tutorials allerdings supervision. Diese tutorials bilden den Kern des Studiums, die Vorlesungen sind daneben nur ergänzend.

Im wöchentlichen tutorial trifft sich ein Wissenschaftler (tutor) mit zwei (manchmal auch drei oder nur einem) Studenten. In diesem tutorial wird ein Thema diskutiert, das die Studenten mittels einer reading list und eines Essays vorbereitet haben. Auf der reading list sind Lehrbuchkapitel, Gerichtsentscheidungen, Gesetzestexte und wissenschaftliche Aufsätze aufgeführt, die die Studenten zu lesen haben. Außerdem gibt es discussion questions, die man sich vor dem tutorial durch den Kopf gehen lassen soll, und eine Frage, für die ein Essay von meist ca. 2000 Wörtern geschrieben werden muss.

Wie meine tutorials im ersten Term verliefen, werde ich demnächst an dieser Stelle verraten.

To be continued...

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