Sonntag, 4. November 2012

Oxford Tales IV: Somerville College

In der Reihe „Oxford Tales“ berichte ich in loser Folge über verschiedene Aspekte meines Erasmusaufenthalts an der University of Oxford.

In meinem letzten Bericht habe ich u.a. die College-Struktur der Universität Oxford beschrieben. Die Universität setzt sich als Föderation aus 38 Colleges und sechs Permanent Private Halls zusammen. Das College, an dem ich mein Erasmusjahr verbringe, ist das Somerville College.

Somerville wurde 1879 als zweites Frauencollege der Universität Oxford gegründet. Im Gegensatz zum ersten Frauencollege, der 1878 gegründeten, anglikanischen Lady Margaret Hall, wurde Somerville bewusst non-denominational, also konfessionell nicht gebunden gegründet – anders als so viele Colleges zu jener Zeit. Benannt wurde das College nach der schottischen Mathematikerin Mary Somerville (1780-1872), einer der bedeutendsten Natur-wissenschaftlerinnen des 19. Jahrhunderts.

1879 wurde auch das Collegemotto festgelegt, das auf der Collegewebseite in feiner britischer Selbstironie als „notoriously untranslatable“ bezeichnet wird:
Donec rursus impleat orbem.
Erst 1892 begannen wohl Studenten, sich damit zu befassen, was dieses Motto denn übersetzt bedeute. Auch beim Fresher’s Dinner haben wir darüber gerätselt und sind an einer sinnvollen Übersetzung gescheitert. Ein Fellow des Colleges fragt sich in seinem Blog gar, ob damals männliche Lateingelehrte sich über die Damen von Somerville lustig machten, die nicht einmal wüssten, dass ihr lateinischer Sinnspruch keine Bedeutung habe. Aber wörtlich lässt sich der Satz tatsächlich übersetzen:
Bis es wieder die Welt füllt.
Was da die Welt füllen soll, ist allerdings alles andere als klar. Anscheinend wurde das Motto ebenso wie das Wappen einfach von der Familie Somerville übernommen. Und in der war man wohl des Lateinischen nicht so richtig mächtig.

Seit 1878 konnten Frauen also in Oxford studieren, Mitglied der Universität sein oder gar einen Abschluss der Universität bekommen durften sie aber nicht. Diese Rechte wurden ihnen erst 1920 gewährt.

Somerville College konnte schnell akademische Erfolge vorzeigen. Es wurde als College der bluestockings, der Blaustrümpfe, bekannt. Ein Slogan über die Frauencolleges Oxfords besagte:
LMH for Ladies, St Hilda’s for games, St Hugh’s for religion, and Somerville for brains.
Somerville hat einige bedeutende Frauen hervorgebracht:
  • Dorothy L. Sayers wurde als Schriftstellerin die Queen of Crime.
  • Indira Gandhi wurde die erste Premierministerin Indiens.
  • Dorothy Hodgkin wurde Biochemikerin und gewann als erste und bisher einzige Britin einen naturwissenschaftlichen Nobelpreis.
  • Daphne Park wurde als höchstrangige Beamtin der britischen Nachrichtendienste in der Nachkriegszeit die Queen of Spies und später Rektorin von Somerville College.
  • Margaret Thatcher wurde die erste Premierministerin Großbritanniens und wurde als Iron Lady bekannt.
Somerville brachte viele Schriftstellerinnen hervor, die das Image der intellektuellen, liberalen und linken Somervillians prägten. Auch heute noch legt das College Wert auf seine liberale, tolerante und offene Gesinnung.

Und dann wurde 1979 ausgerechnet die erzkonservative, anti-intellektuelle Methodistin Margaret Thatcher die erste britische Premierministerin. Viele in Somerville hätten es wohl lieber gesehen, wäre eine Absolventin die erste Labour-Premierministerin geworden. Und besonders beliebt in Oxford machte sich Thatcher während ihrer Amtszeit auch nicht. 1985 verweigerte die Uni ihr den Ehrendoktor. Bei einem Besuch kurze Zeit später wurde sie von Studenten mit Eiern beworfen. Heute ist Somerville aber wohl froh, auch einmal eine Premierministerin hervorgebracht zu haben (Seit 1945 waren nur drei Premierminister keine Oxford-Absolventen; das Christ Church College hat allein 13 Premierminister der britischen Geschichte hervorgebracht).

1994 vollzog sich der bisher letzte große Schritt in der Geschichte Somervilles. Das College wurde für männliche Studenten geöffnet. Gegen den Protest der Studentinnen. Aber die Rektorin hatte v.a. die Examensergebnisse im Blick: Seitdem Männercolleges für Frauen geöffnet worden waren, stieg Somerville immer mehr in der Examensrangliste ab. Die besten Abiturientinnen bevorzugten ganz einfach gemischte Colleges. Also nahm das College 1994 die ersten männlichen undergraduates auf – allerdings nicht ohne besonderes Sendungsbewusstsein:
In the 1890s Somerville helped fashion the “New Woman”; a century later….the college has set itself the perhaps greater challenge of educating the “New Man”.
Heute ist Somerville Heim- und Lehrstätte für 400 undergraduates und 100 postgraduates. Die Hälfte davon sind Männer.

Somerville College liegt ein bisschen außerhalb des altehrwürdigen Stadtzentrums Oxfords, das jedes Jahr fünf Millionen Besucher anzieht. Mit seinen viktorianischen und neugeorgianischen Bauten aus rotem Backstein und seinen Neubauten im Betonstil der 60er-Jahre bleibt es von Touristen verschont.

Die verschiedenen Gebäude Somervilles sind um einen Main Quad und mehrere kleinere Quads herum angelegt. Den Rasen darf man – anders als in den meisten Colleges – betreten, dafür hat man Zugang durch das Haupttor und in die Gebäude nur mit einer speziellen access card. Die meisten Gebäude beherbergen Zimmer für Studenten und Büros der Wissenschaftler. Daneben gibt es noch ein Hauptgebäude mit Büros und der College Bar, ein Gebäude mit der Dining Hall, eine Bibliothek und eine Kapelle, die im klassischen Geiste Somervilles für Angehörige aller Religionen und Atheisten gedacht ist. Eine Übersicht der Gebäude findet man auf der Webseite des Junior Common Rooms.

Junior Common Room bezeichnet einerseits einen Gemeinschaftsraum der undergraduates, daneben aber auch die Gesamtheit der undergraduates als verfasste Körperschaft innerhalb des Colleges. Für die postgraduates lautet die Bezeichnung Middle Common Room, für die Wissenschaftler Senior Common Room.

Mein Zimmer habe ich ja schon in meinem allerersten Beitrag beschrieben. Es liegt im Gebäude Hostel, das nur ein kleines Verbindungsgebäude ist und deshalb auf zwei Stockwerken nur zehn Studenten Platz bietet. Auf jedem Flur gibt es ein Gemeinschaftsbad und eine Gemeinschaftsküche. Die meisten Studenten essen aber in der Dining Hall, die neben Frühstück, Mittag- und Abendessen auch den traditionellen Afternoon Tea anbietet. Das Essen lässt sich als im besten Sinne englisch bezeichnen. Als Beilage zum Fleisch gibt es meist Kartoffeln in einer ihrer zahlreichen möglichen Formen und englisches Gemüse (Bohnen, Erbsen, Karotten, Brokkoli). Besser als die Mensa in München find ich es allemal und schließlich ist man ja nicht zum Essen nach Oxford gekommen, sondern zum Studieren.

To be continued...

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