Dienstag, 6. November 2012

Du studierst doch Jura, oder? Ich hab da mal ’ne Frage...

Gastbeitrag eines Experten in solchen und mancherlei anderen Angelegenheiten.

Wer kennt das nicht: Kaum hat man die ersten Wochen seines Jurastudiums hinter sich gebracht, schon werden dadurch Verwandte, Freunde, Bekannte und sonstige Menschen, die man irgendwann mal irgendwo aus irgendwelchen Gründen getroffen hat, auf den Plan gerufen: „Du studierst doch Jura, oder? Ich hab da mal ’ne Frage...“ erschallt es dann zumeist. 

Viele Fragen, die einem dann gestellt werden, sind schnell beantwortet. Man beantwortet sie zumeist auch gerne, nicht zuletzt, weil man auch ein bisschen stolz ist, sein Wissen anwenden und damit dem ein oder anderen auch unter die Arme greifen zu können. Nur, ab einem bestimmten Punkt – und der ist spätestens erreicht, wenn Fragen das Energie-wirtschaftsgesetzes (EnWG) betreffen oder man gefragt wird, „ob die zweite Erhöhung der Müllgebühren in unserer kreisangehörigen Gemeinde innerhalb von fünf Jahren um 2,75 % denn rechtlich wirklich zulässig sei“, oder ob man „kurz mal die AGB für den eigenen neuen Internetshop schreiben könne“ – ja, spätestens dann fragt man sich zweierlei: 
  • Wieso geht jedermann davon aus, dass innerhalb eines etwa achtsemestrigen Studiums jedes der rund 2.100 Gesetze und jede der ca. 3.140 Rechts-verordnungen behandelt wird und man sich in jedem Rechtsgebiet, sei es noch so selten und extraordinär, sicher bewegen kann?
  • Niemand würde von einem Freund, der bspw. im Supermarkt arbeitet, erwarten, kostenlos mit Waren versorgt zu werden - warum erwartet man dann von einem Juristen, dass er seine „Ware“, nämlich sein in jahrelanger und mühevoller Kleinarbeit erarbeitetes Wissen, kostenlos Preis gibt?

„Ob ich ihm kurz in dieser Sache helfen könne“, fragte mich neulich ein guter Bekannter. Natürlich kann ich das, nur wurde mir schon bei einer ersten kurzen Inaugenscheinnahme seines Anliegens klar, dass hier, wenn überhaupt, nur ein spezialisierter Anwalt helfen könne und selbst ein „Erstangriff“ einer umfassenden und sorgfältigen Einarbeitung bedürfe.

Auf meinen freundlichen Hinweis, dass ich ihm zwar gerne bei der Formulierung eines ersten Briefes behilflich sei, ich mich aber über eine gewisse Aufwandsentschädigung – und sei es in Form eines hopfen- und hefehaltigen Getränkes – doch nicht unerheblich freuen würde, erntete ich neben einem Blick, bei dem ich im Geiste prüfte, ob §§ 23 I, 211 StGB einschlägig seien, ein missfallendes „Ich dachte eigentlich, einem Freund kannst Du auch mal so helfen, ohne gleich eine Gegenleistung dafür zu erwarten!?“

Kann man dieses fast schon dreiste Verhalten noch toppen? Ja, man kann.

Vor gar nicht allzu langer Zeit entgegnete mir eine Bekannte auf meine kurze juristische Einschätzung ihres mir vorgetragenen Problems, dass sie meine Ansicht für falsch halte und sie sich frage, wie ich denn auf eine solche Einschätzung kommen kann, da ihr Vater, der ja Polizist sei, das „ganz anders sieht.“ Ich entgegnete ihr daraufhin, dass sie sich damit ihre Frage doch eigentlich schon selbst beantwortet habe. Seither habe ich von ihr nichts mehr gehört.

Vielleicht ist das auch besser so.

Der Autor des Gastbeitrags bleibt auf eigenen Wunsch hin anonym.
Die in diesem Beitrag vertretenen Meinungen decken sich nicht notwendigerweise mit denen des veröffentlichenden Autors.

Kommentare:

  1. Freunde kann man sich aussuchen. Bei der richtigen Wahl, gibt es keine Diskussion über eine im Rahmen des § 49b BRAO zulässigen alternativen "Entschädigung". Das ist eine Selbstverständlichkeit.

    Bekannte bekommen eine Rechnung.

    Im Rahmen des Studiums ist ein Verweis auf das Rechtsberatungsgesetz und die Folgen eines Verstoßes oft sehr nützlich um unliebsame, undankbare oder dreiste Fragesteller diplomatisch loszuwerden.

    Letzlich war ich aber immer froh, kein Medizinstudent zu sein. Diesen auf einer Party gestellten Fragen, enden häufig mit einer Inaugenscheinnahme auf der Toilette.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sie meinen sicherlich das Rechtsdienstleistungsgesetz, das seit nunmehr vier Jahren bereits für diese Fälle einschlägig ist.

      Löschen
  2. Nun - der zweite Vergleich hinkt meines Erachtens nach ein wenig - ist die Ware selber nach Übergabe bei der Quelle (Supermark) doch nicht mehr Vorhanden - das Wissen im Kopfe des Anwaltes hingegen schon.

    Ich behaupte vielmehr dass es sich innerhalb einer Familie bzw. unter Freunden immer um ein Geben und Nehmen handelt (oder zumindest handeln sollte) - schließlich macht gerade dies einen wichtigen Teil einer Freunschaft / einer Familie aus, dass man sich gegenseitig hilft ohne direkt eine Gegenleistung zu verlangen. Ausserdem: Viele Dinge sind in der Gemeinschaft viel einfacher da jeder sich in seinem Gebiet besser auskennt und so seinen Teil zur Gemeinschaft beitragen kann.
    Gut - es wird immer Menschen geben die versuchen werden, "gutgläubige Narren" wie mich auszunutzen - nur solche fallen sehr schnell aus der Kathegorie "Freund", von daher sehe ich dies ähnlich wie mein Vorredner ;-)

    AntwortenLöschen
  3. ich hab noch keinen anwalt gesehen der etwas umsonst macht, selbst wenn er scheiße baut. das ist der einzigste beruf bei dem man was in den sand setzt, und auch noch dafür bezahlt wird.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das stimmt ja nun so auch nicht.
      Weder Satz 1 noch Satz 2.
      Es gibt da nämlich sowas das nennt sich kostenlose Erstberatung :)
      und außerdem gibt's ja wohl andere Berufsgruppen, auf die letzterer Satz eher zutrifft...
      (Manager...)

      Löschen
  4. Es stellt sich für mich die Frage, ob man dem Beitrag tatsächlich entnehmen darf, der Betroffene sei im Breufsleben Rechtsanwalt - dann nämlich kennt er die wirtschaftliche Notwendigkeit der Vergütung seiner Dienstleistung - dann kann er seinen Rat nicht kostenlos anbieten.

    Interessant wäre es m.E., ob Juristen des öffentl. Dienstes oder in sonstigen Anstellungsvehältnissen mit regelmäßigen Gehalt den juristischen Rat "kostenlos" erteilen würden...

    AntwortenLöschen
  5. Ihr armen Anwälte, da wagen es doch Bekannt, an eurem mühsam erworbenen Wissen teilzuhaben!
    Wie gut, dass ich keine Anwälte im Bekanntenkreis habe, ich käme mir ziemlich blöd vor wenn ich gefragt würde: "Du kennst dich ja mit Computern aus, ich hab da mal ein kleines Problem. Da ich aber weiss, dass du dir dein Wissen mühsam angeeignet hast, bestehe ich darauf, dich für die Antwort zu bezahlen."

    Wenn so ein Anwalt dann auch noch Freunde/Bekannte in Handwerkerkreisen hat, verstehe ich auch warum in letzter Zeit soviel über die Vergütung von Anwälten rumgejammert wird.
    Wenn man jeden rat und jede Hilfe sofort bezahlen will dann muss das geld dafür ja irgendwo herkommen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Eine Pauschlisierung die so nicht zutreffend ist! Wer als Anwalt noch Freund und Familie hat ;) erteilt durch aus den ein oder anderen Ratschlag wie man mit einem Bußgeld, einer Mahnung oder Ähnlichem umgehen kann.

      Es hört dann aber auf, wenn wie beschrieben Briefe verfasst werden, Satzungen zu prüfen sind, wo ein Rat auch entsprechende Kenntnisse vom Sachverhalt erfordert - oder mäuert ihr Onkel die Garage am Samstagvormittag umsonst? Garantiert würde er raten setze Stein auf Stein, aber die Mauer kostenlos hochziehen würde er wohl nicht!

      Löschen
    2. Ich bin mehrfach im Jahr damit beschäftigt, für Freunde/Bekannte/Familie Rechner zusammenzuschrauben, zu installieren oder dem Stand der Zeit anzupassen. Das ist ein nicht unerheblicher Aufwand.
      Ich helfe gerade einem bekannten der ein haus gekauft hat und habe bereits mehrere Tage damit verbracht, die komplette Elektrik zu erneuern.
      Das sind keine Ausnahmen sondern ist die Regel.
      Dasselbe geschieht auch andersrum. Als ich mein Dach neu decken musste, hatte ich auch genug Helfer. Die haben natürlich für so einen Fulltime Job Verpflegung bekommen.
      Ich kenne natürlich auch welche die lieber nicht helfen weil sie keine Lust haben/zu faul sind aber die kommen auch nicht auf die Idee, andere um Hilfe zu bitten.

      Menschen sind ja verschieden aber gerade bei den bloggenden RAs kommt es mir so vor, als ob jede "Nachbarschafthilfe" die über eine kurze Auskunft hinausgeht, schon eine Zumutung ist die bezahlt werden muss.
      Das Themengebiet ist bestimmt komplex und es muss der einzelfall betrachtet werden, das ist aber in anderen Gebieten (IT, Bau) genauso.

      Löschen
    3. Tja, das ist aber nett von dir und deinen Freunden und Bekannten. Ich werde mich sicherlich nicht 20 Stunden hinsetzen und kostenlos einen Rechtsstreit ausfechten. :)

      Löschen
  6. Wen wundert es, wenn Recht zu Unrecht wird und aus Unrecht Recht, aufgrund von besseren Anwälten und nicht durch Gewissensfragen. Die Bürger wissen eben nicht mehr was Recht und Unrecht ist. Wisst ihr es nocht?

    AntwortenLöschen
  7. Wie bereits erwähnt, werden Handwerker auch gerne mal gefragt, Medizinstudenten und sogar Krankenpflegeschüler werden um Dignosen gebeten, zu denen man eigentlich ordentliche Hardware, wie ein CT oder ähnliches, benötigt und für IT-Studenten und -Azubis ist es beinahe noch schlimmer.

    Zugegeben: Handwerker und ITler werden oft mit Gerstensaft oder wenigstens Kaffee "entlohnt".

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die Vergleiche hinken allesamt, egal ob im vorausgegangenen Beitrag oder schon zuvor...

      Von den Juristen (es geht v.a. um die Studenten)
      wird eine Fall-(Sachverhalts)-Analyse mit anschließender Lösung des rechtlichen Problems verlangt...

      Das entspräche bei Medizinstudenten
      z.B. einer Heilung des diagnostizierten Übels...
      bei Handwerkern
      z.B. der Garagenbau, Hausbau etc. (Malern etc.)
      oder beim IT-Fachmann
      z.B. Lösung von einem Problem mit dem Computer,
      an dem der nette IT-Fachmann
      -natürlich völlig kostenlos-
      auch alle nicht funktionstüchtigen Teile austauscht... usw.

      Das ALLES nicht zu vergessen,
      um dann evtl. zu hören, es handle sich um:
      - einen Behandlungs-/ Kunstfehler
      - eine schiefe Mauer etc.
      oder
      - die falsche Software-Version, das falsche Bauteil

      An gewissen Punkten ist es für Juristen einfach besser den Mund zu halten und keine Auskunft zu geben.

      Löschen
    2. Das mit dem Hausbau als Vergleich finde ich nicht so schlecht. Denn meistens läuft es eben genau so ab. Da wird nicht der Maurer gefragt, ob er gegen Übereignung eines Kastens Gerstensaft eine kleine Mauer bauen soll.

      Stattdessen wird der Architekt(-urstudent) gefragt, einen Plan für ein Haus zu entwerfen und dieses (möglichst im Zeitraum von etwa einer Woche) alleine zu bauen, die Elektrik einzuziehen, ein paar Schreinerarbeiten zu erledigen und dann alles einzurichten - und zwar bitte im Geschmack des Auftraggebers! Wenn man Glück hat, bekommt man für die Mühe gnädigerweise nen 10er.

      Dass ich auf die Frage "Hey, wo steht nochmal das mit den Gewährleistungsrechten beim Verbrauchskauf?" nicht die Hand ausstrecke, ist klar. Und beim "Hilfst du mir mit der Formulierung von diesem Brief?" erwartet man auch keine Goldbarren.

      Aber (und das hab ich schon erlebt) beim "Ich hab hier einen Leitz-Ordner mit Schriftverkehr [natürlich ungeordnet]. Ist an den Forderungen von denen was dran?" hört die Spaßkomponente auch irgendwann auf, ganz zu schweigen davon, dass ich mir keine eingehende Rechtsberatung zutraue. Und wer sowas dann ausspricht ist auf einmal der Böse, der "nichtmal kurz drüberschaun" will und wird nicht mehr zum Geburtstag eingeladen.

      Um nochmal auf die Mühen des ITlers zu Sprechen zu kommen: Da ich als moderat mit Computern vertrauter Mensch auch diese Seite der Medaille kenne, würde ich hier gerne nochmal einen Vergleich ziehen. Die Mentalität, sich zu bedanken (und meist noch ein wenig Kleingeld hinterherzuwerfen), ist absolut verbreitet, solange es um irgendwelche DAU-Probleme geht, die jeder selbst mit einer einzigen Google-Suche lösen kann. Geht es demgegenüber um grenzüberschreitende (am besten noch außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraumes) Handelsgeschäfte im 6-stelligen Bereich, hört man nur, dass soetwas doch gar nicht so schwer sein kann und man halt mal schnell einen Brief schreiben soll, dann hätten sich jegliche Streits erledigt.

      Löschen
  8. Herr Anonym ist aber ein ganz schlauer...und noch dazu so hilfsbereit...
    Wer hat denn Deine Dachziegeln bezahlt und wieviele Deiner Freunde mit kaputtem Computer haben Dich schon einmal angerufen und gefragt, wie es Dir geht?

    AntwortenLöschen
  9. Hallo,

    meine Erfahrungen mit solchen rechtlichen Anfragen sind eigentlich ganz gute. Ich versuche immer eine kurze schnelle Einschätzung zu geben. Bei komplizierteren Dingen weise ich auch darauf hin. Meisten reicht der Hinweis, dass die Erörterung eines solchen Themas sicherlich die Party sprengen würde und biete an, einen Termin im Büro zu vereinbaren. Damit ist die Frage das meistens nicht mehr so wichtig. Freunden, die mit kanst Du mal schnell meine AGB schreiben kann man ganz getrost die Frage stellen, ob er das auch wirklich möchte. So nach dem Motto, "Willst Du wirklich so ein paar lari fari aus dm Ärmel geschüttelte Vertragsklauseln ins Netz stellen und eine Abmahnung von einem Mitbewerber kassieren?" Meistens wird das Angebot die Angelegenheit doch lieber profesionell aufzuziehen angenommen. Den Freunden, die sich für die "schnelle" Variante entscheiden, rate ich meistens sich das mit dder Selbständigkeit komplett noch mal zu überlegen.

    Insoweit kann ich das Problem mit "Rechtsrat schnorrenden Freunden" nicht wirklich nachvollziehen.

    Viele Grüße
    Jens

    AntwortenLöschen
  10. Also ich kann Herr Gmerek zustimmen, bei mir im Freundeskreis ist es ähnlich. Ein kurzer Rat unter Freunden hat mir noch nie geschadet. Meistens kommt es entweder zu einem Termin in meinem Büro oder die vermuteten Chancen bei dem angepeilten Rechtsstreit sind so gering, dass der Gedanke nach einem kurzen Statement sowieso wieder verworfen wird.

    AntwortenLöschen