Donnerstag, 11. Oktober 2012

Oxford Tales II: Freshers’ Week

In der Reihe „Oxford Tales“ berichte ich in loser Folge über verschiedene Aspekte meines Erasmusaufenthalts an der University of Oxford.

Nachdem ich nun meine ersten akademischen Pflichten erfüllt habe (dazu demnächst mehr), kann ich nun endlich über die Fresher’s Week berichten.

In Oxford merkt man recht schnell, dass man als Student den normalen Kalender vergessen kann. Das liegt an der in Oxford gepflegten Terminologie. Viele Dinge tragen hier seltsame Namen. So hat die Rechnung des Colleges mit den Unterkunftsgebühren zwar nichts (oder zumindest nicht unbedingt) mit einem Kampf zu tun, heißt aber battel statement. Die drei terms, in die das akademische Jahr aufgeteilt ist, werden Michaelmas, Hilary und Trinity genannt. Jeder term hat acht Wochen, die durchnummeriert werden. Und so ist heute nicht einfach der 11. Oktober, sondern Thursday of week 1. Eine Tutorin von Somerville College hat uns bereits davor gewarnt, es mit diesen Bezeichnungen zu übertreiben. Wir sollten unseren Müttern nicht sagen, wir seien am Tuesday of week 12 daheim. Denn der 25. Dezember ist ja doch eher als Weihnachten bekannt.

Eine nullte Woche gibt es auch. Die Woche vor Beginn des terms wird als Freshers’ Week bezeichnet. Sie dient zur Einführung für die neuen Studenten. Den ersten Tag, den 2. Oktober, habe ich ja schon beschrieben. Am Mittwoch bekamen wir alle nötigen Informationen über das College. Los ging es mit einer Einführung in die für Großbritannien typischen health and safety regulations. Das Informationsvideo der University of Dundee enthielt zwar nur wenig Neues, war aber wegen der schottischen Akzente durchaus unterhaltsam anzuschauen. Weiterhin stellten sich die Deans vor, die für welfare, also das allgemeine Wohlbefinden, aber auch für Bestrafung bei Fehlverhalten zuständig sind. In einer etwas längeren Veranstaltungen stellten außerdem die Rektorin und verschiedene Amtsinhaber sich und das College vor. Und wie man im College seinen Laptop mit dem Internet verbindet, wussten die Herren von der IT-Abteilung zu verraten.

Auch spezielle Veranstaltungen für jedes Fach sind in der Freshers’ Week vorgesehen. Zunächst stand am Mittwoch ein Treffen aller Erasmus-Jurastudenten beim Erasmus-koordinator der Faculty of Law an. Etwa 30 Studenten von acht europäischen Universitäten (München, Bonn, Konstanz, Regensburg, Paris, Siena, Barcelona, Leiden) nehmen am Programm Diploma in Legal Studies teil. Das ist zwar kein Diplom, klingt aber gut.

Ebenfalls am Mittwoch gab es ein Treffen der Juratutoren von Somerville mit den acht neuen law undergraduates, bei dem das Jurastudium und die Kurse erklärt wurden. Darüber werde ich in dieser Reihe noch – und vermutlich mehrere Male – berichten.

Am Mittwochabend fand dann statt, was sicherlich als Highlight der Freshers’ Week bezeichnet werden kann: das Freshers’ Dinner. Zunächst treffen sich um 18:45 Uhr alle neuen Studenten eines Fachgebiets (neben undergraduates auch postgraduates) mit ihren jeweiligen Fachtutoren zu den pre-dinner drinks. Bei Wein oder nicht-alkoholischen Getränken wird ein wenig geplaudert, bevor man um 19:15 Uhr zur Dining Hall geht, in der jedem Fachgebiet ein eigener Tisch zugewiesen ist. Dresscode für die Veranstaltung ist smart dress – d.h. für Männer geht die Reichweite von Kombination ohne Krawatte bis zum Anzug mit Krawatte.

Die Dining Hall erinnert ein wenig an Harry Potter (die Great Hall der Harry-Potter-Filme wurde an die Hall des Christ Church Colleges in Oxford angelehnt). Im Somerville College ist die Hall ein hoher Raum mit dunklem Holzpaneel, hohen Fenstern und langen grünen Vorhängen. An der Wänden hängen Portraits von Mary Somerville, der Namensgeberin des Colleges, und berühmten Absolventen des Colleges. Alle Tische stehen längs, nur im Kopfbereich steht ein Tisch quer und erhöht: der High Table. An diesem Tisch dürfen die Honoratioren des Colleges sowie Studenten eines Fachgebiets als Gäste sitzen. Die Personen des High Table betreten die Dining Hall erst, wenn alle anderen bereits sitzen. Diese erheben sich und warten, bis alle am High Table Platz genommen haben. Dann kann das Dinner beginnen.

Die Mitarbeiter der Dining Hall servieren ein Drei-Gänge-Menü: Ziegenkäse mit Roter Bete, gefüllter Fasan und Schokoladentarte zum Dessert. Dazu gibt es den eigenen australischen Somerville-Wein (rot oder weiß), der allerdings laut des französischen (!) Erasmusstudenten „really disgusting“ ist. Nach dem Essen wird Kaffee serviert, zusammen mit der eigenen Somerville-Schokolade (Orange oder Minze). Dazu hält die Rektorin eine motivierende Rede. Dass sich allerdings zu diesem Moment wirklich – wie die Rektorin meinte – die Hälfte eines zukünftigen britischen Kabinetts im Raum befindet, erscheint mir doch fraglich. So viele Millionäre studieren meines Wissens nicht am Somerville College.

Eine weitere feste Einrichtung der Freshers’ Week ist die Freshers’ Fair, die von Mittwoch bis Freitag der nullten Woche läuft. Dort stellen sich alle societies der Universität vor. Und davon gibt es eine Menge. Von Sportgruppen (ob Rudern, Aikido oder Völkerball) hin zu Musikgruppen (Orchester, Chöre, Tanzen). Ob Conservative Association oder Communist Corresponding Society, ob Harry Potter Society oder Law Society, ob Greenpeace Group oder German Society – für jeden ist etwas dabei. Und so sorgt die Freshers’ Week dafür, dass man nicht nur auf die Kurse während der terms, sondern auch auf das Leben daneben ausreichend vorbereitet ist.

To be continued...

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