Montag, 1. Oktober 2012

Gemeinschaft der Steuerzahler oder Gemeinschaft der Gläubigen?

Das Urteil des Bundesverwaltungsgericht vom 26.09. hat Klarheit für die staatliche Seite des Kirchenaustritts geschaffen. Indes geht die Diskussion um die innerkirchlichen Folgen des Kirchenaustritts in der römisch-katholischen Kirche weiter. Der Gastbeitrag von Markus C. Müller befasst sich mit dem weltweiten Unterverständnis für das deutsche Kirchensteuersystem.
 
„Are you German?“ Ein älterer schwarz gekleideter Herr kommt auf uns zu. Ein mexikanischer Priester. Wie wir hat er den letzten Septembersonntag genutzt, um nach Castel Gandolfo zu fahren. Gemeinsam mit dem Heiligen Vater hatten wir in dessen Sommerresidenz den Angelus gebetet.  Immer noch beeindruckt vom charismatischen und zugleich so schlichten Auftritt unseres Papstes, warten wir nun am Bahnhof auf den Zug zurück nach Rom.
 
„German?“ Als ich dies bejahe, entspannt sich ein lebhaftes Gespräch. Adolfo – so heißt der mexikanische Priester – spricht sehr gut Englisch, da er einige Jahre eine spanisch-sprachige Gemeinde in den USA betreut hatte. Er erzählt, dass er erst vor 3 Wochen München besucht habe. Ein schöner Urlaub, aber von der Situation in Deutschland sei er schockiert gewesen.
 
Ob es stimme, dass man in Deutschland zahlen müsse, damit man in die Kirche gehen dürfe, fragt er. Er habe da einen Zeitungsartikel gelesen und habe es einfach nicht glauben können. So gut wie möglich versuche ich die momentane Situation in Deutschland zu erklären, das Kirchensteuersystem, die finanziellen Verflechtungen von Staat und Kirche und das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes aus der vergangenen Woche. Ziemlich verständnislos schaut er mich an. Vermutlich denkt er daraufhin, ich nähme ihn gerade auf den Arm.
 
Er erzählt, dass er Kirchenrechtler sei und in Texas am bischöflichen Tribunal gearbeitet habe. Eigentlich kennt er sich also wohl aus mit rechtlichen Fragen. Aber auch all seine Kollegen hätten es gesagt: Was die deutschen Bischöfe da treiben, sei für sie nicht nachvollziehbar. „They are just crazy!“ Wie könne es sein, dass die deutsche Kirche so an Privilegien und Geld klammere, während er sonntags halbleere Kirchen gesehen habe. Wie geht das zusammen?
 
Die Kirche in Mexiko sei arm, sehr arm, wie die meisten ihrer Mitglieder. Aber wenigstens hat sie noch Mitglieder. Allein in seiner Heimatdiözese bereiten sich über 1000 junge Männer auf das Priestertum vor. In allen deutschen Priesterseminaren zusammen sind es nicht einmal halb so viele. Sicherlich kann man die Situation in den beiden Ländern nicht vergleichen, aber skurril wirkt die Situation trotzdem.
 
Die deutschen Bischöfe würden sich mit ihrem Verhalten der Lächerlichkeit preisgeben, meint Adolfo. International respektiert sei Deutschland noch als Geldgeber, auch in seiner Heimat. Glaubensimpulse jedoch kämen schon längst nicht mehr. Um was es den deutschen Bischöfen denn eigentlich gehe, fragt er mich. Ich tue mich wohl sichtlich schwer mit einer Antwort. Dass die wenigsten Gläubigen Verständnis für ihre Oberhirten aufbringen können, glaubt er mir dagegen sofort.
 
Um was gehe es den deutschen Bischöfen? Um Geld? Um Macht? Um Unabhängigkeit von Rom und vom Papst? Vielleicht von allem ein bisschen. Oder haben sie einfach Angst? Angst vor Neuem? Angst vor einem Schritt in die Zukunft ohne finanzielle Absicherungen?
 
Das Gespräch mit dem mexikanischen Priester wirft Fragen auf. Fragen an das Selbst-verständnis der katholischen Kirche in Deutschland. Sehen wir uns als finanziell gut situierten Wohlfahrtsverein zwischen Arbeiterwohlfahrt und Gewerkschaft? Sehen wir uns als eingetragenen Verein, dessen Mitglieder auch zahlen müssen für Leistungen, die sie in Anspruch nehmen, wie die Mitglieder des Tennisclubs oder des Kleingärtnervereins nebenan?
 
Dass gerade ein Kirchenrechtler diese Fragen stellt, mag bezeichnend sein. Denn neben der rechtlichen Sicht hat er immer auch die theologische Sicht auf seine Kirche bewahrt. Kirche ist auf Erden angebrochenes Reich Gottes. Kirche ist Gemeinschaft derer, die glauben, dass Jesus Christus für sie am Kreuz gestorben ist. Er ist gestorben, um uns zu erlösen. Und er hat einen Preis gezahlt, der alle Kirchensteuermillionen in den Schatten stellt. Er hat sein Leben hingegeben, damit wir das ewige Leben haben. Dafür brauchen wir die Kirche.
 
„I will pray for you!“ So verabschiedet er sich. Mehr Gebet statt Geld wäre auch für die katholische Kirche in Deutschland nicht schlecht, ganz im Gegenteil.
 
Markus C. Müller studiert katholische Theologie und Philosophie an der Universität Augsburg. Zurzeit verbringt er zwei Auslandssemester an der Pontificia Università Gregoriana in Rom.
Die in diesem Beitrag vertretenen Meinungen decken sich nicht notwendigerweise mit denen des veröffentlichenden Autors.

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