Donnerstag, 13. September 2012

Was studiert der Jurist?

Ein ortsansässiger Juraprofessor stellt im mündlichen Staatsexamen gerne Fragen zu Grundsätzlichem. So etwa diese einfach klingende, aber vielleicht doch nicht so einfache Frage:
Was ist Recht?
Was dann als Antworten kommt, ist meist sehr dürr. Der Professor ist darüber zu Recht erschüttert:
Wie kann man nach vier Jahren Jurastudium Jurist werden wollen, ohne sich jemals gefragt zu haben, womit man sich da eigentlich beschäftigt?
Das kann man, meistens ‚erfolgreich‘.  Der Studienplan macht’s möglich. Da finden sich viele verschiedene Fächer; viel Dogmatik, fast nur Dogmatik. Zivilrecht, öffentliches Recht, Strafrecht. Daneben noch ein paar so genannte Grundlagenfächer. Dass man diese nicht gleich als Hilfswissenschaften bezeichnet, ist noch das Geringste. Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie und Rechtssoziologie werden stiefmütterlich behandelt und mit einer Vorlesung abgehandelt. Und im Staatsexamen spielen diese Fächer so gut wie keine Rolle.

Das Jurastudium konzentriert sich auf die Anwendung des Rechts. Aber lernt man im Studium wirklich Rechtsanwendung? Also wie in der Praxis das Recht angewendet wird?

Nein, das lernt der Jurastudent nicht. Da schaut man sich das Gesetz an und dann liest man etwas Schönes heraus. Das wendet man auf den Sachverhalt an (Subsumtion). Das schöne Ideal der Gesetzesbindung (vgl. dazu Walter Grasnick in myops 15/2012, S. 67 ff.). Das hat aber nichts mit der Praxis richterlicher Rechtsfindung zu tun, wie Grasnick beschreibt:
Wenn dieser [der Amtsrichter, RK] überhaupt zu einem Buch greift, dann nicht zu einem aus der Büchersammlung genannt Schönfelder. Sondern zum Palandt oder Fischer.
Wichtiger als Dogmatik oder gar Methodenlehre ist im Justizalltag das Präjudiz. Die justizielle Selbstreferenz ist ausschlaggebend (Grasnick, aaO, S. 72):
Die Gerichte entscheiden so, wie sie selbst und/oder andere Gerichte in gleichgelagerten Fällen früher bereits entschieden haben.
Was ist nun die Konsequenz daraus für die juristische Ausbildung? Sollte das Studium sich auf die Praxis der Rechtsanwendung konzentrieren? Das können wir gerne machen. Da kann man dann lernen, wie man Palandt und Fischer benutzt und damit subsumiert. Ob Affen das auch erlernen können, ist dann nurmehr eine Frage der Biologie.

Aber das ist nicht nur kein wissenschaftliches Studium mehr. Nein, das reicht auch schlichtweg nicht für eine gute Rechtsfindung. Das Recht ist nur einer – wenn auch wohl der wichtigste – der Gesichtspunkte, die in eine richterliche Entscheidung einfließen, d.h. sie begründen. Daneben spielt vor allem das eine Rolle, was sich unter dem Begriff der Wertung zusammenfassen lässt. Diese Wertung basiert auf außerrechtlichen Normen (vgl. bspw. Kurt Seelmann, Rechtsphilosophie, 5. Aufl. 2010, § 6 Rn. 1 ff., insb. Rn. 29 ff.).

Wie soll der Richter nun solche Wertungen begründen? Soll er das auch im Palandt und Fischer nachschauen? Nein, der Richter braucht dafür vielmehr Kenntnisse, die sich nicht dem positiven Recht entnehmen lassen. Dabei können ihm nur die sog. Grundlagenfächer helfen, insbesondere die Rechtsphilosophie. Nur mit solchen Kenntnissen kann der Richter seine Entscheidung gut begründen – die Forderung, die wir an ein Urteil zu stellen haben.

Deswegen lautet mein Appell: Weniger Dogmatik und mehr Grundlagen!

Denn ich will lieber Juristen, die nicht die Einzelheiten des Handelsgeschäfts kennen, als solche, die sich nie gefragt haben, was Recht ist oder wie sich Normen begründen lassen. Ich will lieber Juristen, die nicht auswendig wissen, was Medicus in seinem Bürgerlichen Recht geschrieben hat, als solche, die nie einen Blick in Kelsens Reine Rechtslehre geworfen haben. Ich will lieber Juristen, die von Baurecht wenig Ahnung haben, als solche, die von Rechtstheorie keine Ahnung haben. Ich will lieber Juristen, die nicht wissen, was der BGH in den letzten zehn Jahren zum Vertrag mit Schutzwirkung zugunsten Dritter entschieden hat, als solche, die nicht wissen, welche Rolle die Justiz im Dritten Reich gespielt hat.

Ich will lieber kritische Denker als Subsumtionsautomaten.

Danke an Markus für stilistische Hinweise.

Kommentare:

  1. "Denn ich will lieber ... als ..."

    Wie ist es zu rechtfertigen, dass man Dogmatismus mittels ebenso dogmatischer Argumentation ablehnt? Mag man nicht lieber nach Symbiose streben, nach der Vereinigung von rechtsdogmatischer Subsumtionstheorie mit der Praxis des Rechts, der Grundlage seiner Existenz? Denn der Rechtssuchende soll doch auch Recht finden dürfen und können... wenngleich er bestenfalls mit einer Wahrscheinlichkeit des Zutreffens der gefundenen Ansicht rechnen kann anstatt mit einer sbsoluten (Rechts-)Sicherheit. Lehnen wir den Dogmatismus (dogmatisch) ab, so landen wir wieder bei ihm selbst - nur eben nicht auf Subsumtionsebene, sondern auf Basis vergleichender Rechtssprechung (oder aber auch völliger Willkür).

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    1. Sie vermischen Dogmatismus und Dogmatik. Rechtsdogmatik bedeutet die systematische und begriffliche Durchdringung des geltenden Rechts. Dogmatismus ist das starre, ideologische Festhalten an überkommenen Glaubenssätzen. In diesem Sinne halten Sie also meine Argumentation für dogmatisch.
      Ich sehe nicht, inwiefern ich in meinem Beitrag dogmatisch argumentiere. Ich setze mich aufgrund bestimmter Argumente kritisch mit den Inhalten des überkommenen Jurastudiums auseinander. Mein letzter Absatz ist nicht dogmatisch, sondern pathetisch.
      Ich lehne Dogmatik auch nicht rundweg ab. Sonst würde ich ja diesen Blog nicht betreiben. Ich stelle nur fest, dass Rechtsdogmatik ohne die nötigen Grundlagen auf tönernen Füßen steht.
      Im Studium sollten deshalb die sog. Grundlagenfächer stärkere Beachtung finden. Und daneben müssen natürlich auch die dogmatischen Fächer gelehrt werden. Allerdings sollte man deren Inhalte reduzieren. Manche Details und manche Fächer benötigt man einfach nicht. Der Trend geht dabei leider in die andere Richtung. Etwa mit dem Schwerpunktbereich. Warum muss ein Jurastudent schon Wettbewerbsrecht, Umweltrecht oder Einkommensteuerrecht lernen? Solche Fragen möchte ich aufwerfen. Das hat mit Dogmatismus nichts zu tun.

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  2. Ändert meines Erachtens nichts daran, dass die Frage "was ist Recht?" in einer mündlichen Prüfung ziemlich neben der Spur ist. Die mündliche Prüfung ist eine nervliche Extremsituation und sicher nicht der richtige Platz zur Diskussion derartiger Grundsatzfragen.

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  3. Solche Juristen hätte ich auch gerne. Aber selbst in der "praktischen Ausbildung" im Referendariat wird mehr wert darauf gelegt, dass man unwichtiges Zeug wie Immissionsschutz-, Wasser- und Steuerrecht lernt als das man richtig Recht erkennt und anwendet...

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    1. Das Referendariat soll natürlich (zu Recht) praxisorientiert sein. Aber auch hier ist sicherlich die Frage berechtigt, ob Praxisnähe wirklich darin besteht, noch zusätzliches materielles Recht wie Wasserrecht zu lernen. Oder ob nicht eher Prozessuales und die Technik der Rechtsfindung wichtiger sind.

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  4. Hätte nicht unbedingt erwartet, dass sich nun auch die Jurastudenten über den Aufbau ihres Studiums beschweren, aber es wundert mich nicht richtig. Mich wundert eher, dass es so lange gedauert hat, wo der Umbau der Universitäten nun schon länger im Gange ist. Grundlagen wurden überall mehr oder weniger vollkommen zusammengeschrumpft, ein wirkliches Studium findet in diesem Sinne kaum noch statt (man kann nicht etwas studieren, dessen Grundaufbau man nicht kennt; man spekuliert dann eher bzw. speku-diert).

    Ich habe Pädagogik-Studenten kennengelernt, die sich noch nie Gedanken darüber gemacht haben, was der gesellschaftliche Sinn von Erziehung sei und was das eigentlich sein solle, Erziehung?

    Besonders bedrohlich empfand ich die starke Abwesenheit von Geschichte im Studium. Es ist alles sehr Gegenwartserfordernis-bezogen gewesen. (muss man Jurastudenten heute wieder das Buch "furchtbare Juristen" empfehlen, damit sie die Rechtsgeschichte der BRD kennen, oder wird den Studenten des Faches das trotzdem noch ans Herz gelegt? Das Buch ist von einem gewissen Müller und es ist spottbillig...)

    An den blogger kann ich daher aber nur sagen: seien Sie mal froh, noch diese Struktur zu haben! Den Studenten der nächsten Generation wird es da weit schlechter ergehen.

    @anonym: Ich hätte lieber einen Anwalt, der eine Niete darin ist, Professors Liebling zu sein und stattdessen weiß und erklären kann: was ist denn das eigentlich, das Recht? Mit den Büchern, die diese Frage beantworten wollten, kann man alexandrinische Bibliotheken füllen. Es scheint also offenbar nicht das einfachste im Rechtsgeschäfte zu sein! Von daher wohl geeignet für eine Examensprüfung.

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  5. "Was ist Recht?"

    Die ganz einfache zu lernende Defintion lautet: ius est ars boni et aequi. :)

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  6. So eine Frage hat aber ernsthaft in einer mündlichen Prüfung nichts zu suchen. Ich glaube wer sowas fragt, hat vergessen wie es ist auf der anderen Seite als Student zu stehen.

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  7. ich würde mich über solch eine Frage freuen, denn genau deswegen studiere ich Jura: argumentieren zu können, meinen/einen Standpunkt vertreten und nicht dagewesenes runterbeten. M.E. lässt solch eine Frage den exzellenten Studenten erkennen ;)

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  8. Diese Frage lässt keinen exzellenten Studenten erkennen. Allenfalls eine sauber begründete Antwort vermag das zu schaffen. ;-)

    Jeder sollte sich mit der vom Author gestellten Frage beschäftigen, wenn er in diesem Bereich unterwegs ist.
    Tut er es nicht, so hat er nie verstanden, was seine Aufgabe überhaupt ist.

    Diese Frage wird weit öfter gestellt, als es den meisten Prüflingen lieb ist.
    Ob allerdings die mündliche Prüfung der richtige Ort ist sich einer solchen Frage zu stellen, das kann glaube ich jeder, der eine solche Prüfung selbst schon einmal erlebt hat, schnell beantworten! :D

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