Donnerstag, 2. August 2012

Werner Koczwara. Ein betriebsblinder Gartenzwerg zum Nichtlachen und sich Erschießen

Gastbeitrag von Jan Hoffrogge.

„Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt“: ein Bühnenprogramm, das in den letzten Jahren über eintausend Mal gespielt wurde. Verfasst vom „deutschen Pointenpapst“ (O. Fischer). Das nunmehr auch einige Tage in der Lach und Schieß gezeigt wurde. Da musste man zugreifen. Der Rezensent irrte.

Die Räumlichkeiten der Lach- und Schießgesellschaft waren am Samstagabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Leider schloss die Tür an der Haimhauserstraße mit Beginn der Vorstellung, sodass die Temperaturen unerträglich wurden und mein Begleiter vorgeben konnte, nur auf die Transpirationsflecken des Kabarettisten geachtet zu haben (tatsächlich merkte sich Herr Kaiser jeden der genannten Paragraphen).

Koczwara brachte nach seiner eigenen Aussage nur Originalzitate. Dass es sich aber bei den ersten beiden zitierten Paragraphen gar nicht um deren Originalwortlaut, sondern um dessen Auslegung handelte, machte Koczwara nicht klar, wie Herr Kaiser feststellte und mir erklärte.
Besteht ein Personalrat aus einer Person, erübrigt sich die Geschlechter-trennung.
Das steht nicht etwa in einem Personalvertretungsgesetz, sondern vielmehr in einer Info des Deutschen Lehrerverbands Hessen. Besonders komisch fand Koczwara auch § 613 BGB, der doch tatsächlich besagt, dass ein Arbeitsvertrag mit dem Tode des Arbeitnehmers endet und etwaige Erben nicht in Nachfolge treten. Dass dies nicht wörtlich im Paragraphen steht, sondern sich aus dem höchstpersönlichen Charakter des Arbeitsverhältnisses ergibt – auch dazu kein Wort von Koczwara. Zumindest als Laie überraschte mich die eindeutige Absage an etwaige Forderungen nicht: Kommt ein Erbe nicht auch für Schulden auf (§ 1922 BGB)? War das BGB nicht Ende des 19. Jahrhunderts verfasst worden, als Arbeitnehmerrechte noch im Werden waren? Und wie sähe es im umgekehrten Fall aus, nämlich beim Tod des Arbeitgebers?

Deutlich war schon hier: Heute Abend ging es nicht um eine (historisch-)kritische Exegese, sondern um den Dauerrenner „Kanzleistil“ (L. Reiners; mutmaßlich plagiiert [PDF]). Dieser Linie blieb man sich auf der Bühne treu. Es folgte der bekannte § 164 Abs. 2 BGB, sodann § 919:
Der Eigentümer eines Grundstücks kann von dem Eigentümer eines Nachbar-grundstücks verlangen, dass dieser zur Errichtung fester Grenzzeichen und, wenn ein Grenzzeichen verrückt oder unkenntlich geworden ist, zur Wiederherstellung mitwirkt.
Koczwara, der nur das Hervorgehobene zitierte, zeigte sich ob der Formulierung verzückt. Ein verrückter Grenzstein! Obschon im vorliegenden Fall semantisch keinerlei Verwirrung auftritt: Zappado, Sprache ist tatsächlich mehrdeutig. (Eine Anmerkung aus philologischer Perspektive: Sicherlich, dem Norddeutschen käme das Präteritum eleganter vor. Allerdings nennt man das Perfekt nicht umsonst auch die vollendete Vergangenheit. Dem Wikipedia-Eintrag nach studierte Koczwara allerdings auch nur vier Tage Germanistik; wobei es sich mutmaßlich nicht um die rechtshistorische Variante handelte.)

Der Schwabe ging zu den Angelegenheiten des häuslichen Lebens über. Nach § 1619 BGB haben Kinder im Haushalt anzupacken. Voraussetzung für diese Hilfe ist freilich der Beischlaf, der als eheliche Pflicht in § 1353 BGB beschrieben wird. Koczwara wusste zu berichten, dass der BGH in einem Urteil vom 2. November 1966 (Az. IV ZR 239/65) zur „Opferbereitschaft“ der Frau gemahnt hatte. Ebenso referierte man auf der Bühne über die Möglichkeiten des Ehemannes, den Lohnerwerb der Gattin einzuschränken. Diese Minuten waren die politischsten des ganzen Abends.

Bald jedoch war der Gastgeber wieder in seichten Gewässer angelangt: Es ging um die zehn merkwürdigsten Urteile im Bereich des Reiserechts. Memorieren kann ich nur einen einzigen Fall: Den bekannten Bettenfall des AG Mönchengladbach. Dort hatte ein Kläger Schadenersatz gefordert, da das gebuchte Zimmer über kein echtes Doppelbett verfüge, weshalb er in seinen Beischlafgewohnheiten eingeschränkt worden sei.
Dem Gericht sind mehrere allgemein bekannte und übliche Variationen der Ausführung des Beischlafs bekannt, die auf einem einzelnen Bett ausgeübt werden können, und zwar durchaus zur Zufriedenheit aller Beteiligten.
Die erste Hälfte des eineinhalbstündigen Progammes war beendet.

Nach der Pause echauffierte sich unser Mann aus Schwäbisch Gmünd über ein unsinniges Seilbahngesetz für Mecklenburg-Vorpommern, die das EU-Recht verlangt. Des Weiteren berichtete er im Zusammenhang mit dem Jugendstrafrecht von einem Teen-Court in Darmstadt. Dieser verdonnert Altersgenossen eigenartiger Weise zu Sozialstunden im Altersheim. Diesem (Nicht-)Novum zollte Koczwara Respekt: Vom „angesehen Randalierer“ zum auf Facebook an den Pranger gestellten Wohltäter. Das müsse auf die Jugend doch Eindruck machen.

Deutlich wurden hier die Längen im Programm. Sein Erfinder versuchte sich an Auflockerungen: So hatte er schon in der ersten Hälfte aufgedordert, die Sitzplätze gemäß der eigenen Erfahrung mit der Justiz zu gruppieren (vorne Scheidungspaare, hinten Tötungsdelikte, ganz hinten Raucher). Nun regte er einen funktionalistischen Zugang an: „Blinde Zwerge“ seien doch in der letzten Reihe am besten aufgehoben. Alberichs Konsorten tun es Koczwara anscheinend ohnehin an. So brachte er fast zusammenhangslos („In was für Niederungen die deutsche Justiz sich begeben muss...“) folgenden Kalauer zu Stande:
Warum rasieren sich Männer den Intimbereich? Weil doch jeder weiß, dass ein Gartenzwerg auf einem gemähten Rasen größer wirkt.
Als Beitrag zur Prävention bei Gewaltdelikten unter Jugendlichen schlug er Matheaufgaben vor. Causa und Modi habe ich vergessen. Im unguten Gedächtnis blieben mir aber die Namen der Protagonisten: Murat, Yussuf und Wladimir. An anderer Stelle hieß es angesichts von Auspeitschungen von Rechtsanwälten in manchen Gegenden Saudi-Arabiens: „Ischt net allesch schlecht im I-schlam!“

Nichtsdestoweniger folgte eine Zugabe, jedoch leider nicht (wie zuvor angekündigt) auf Latein. Stattdessen wurden lustige Agenturmeldungen verlesen (wobei sich zeigte, dass die Arbeitsweise eines Flaschenzugs nicht von jedem nachvollzogen werden kann). Außerdem sang Koczwara: Erst eine sehr unterhaltsame „Fever“-Parodie (das lyrische Ich benötigt Biber, da es wegen der strengen Gesetze seine Bäume nicht selbst fällen darf), dann einen ‚rüden‘ Rausschmeißer zur Melodie von Auld Lang Syne.

Auch wenn das Publikum frenetisch klatschte (Standing Ovations ließen die Platzverhältnisse glücklicherweise nicht zu): Weite Teile des Abends waren allenfalls zum Schmunzeln. Koczwara ist ein guter Vorträger und einige der zitierten Urteile hatten durchaus ihre Komik. Ebenso gefiel auch folgender Witz: „Der Schönfelder ist kein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann. Vor allem nicht während der ersten, eher trockenen zweitausend Seiten.“ Daneben stand jedoch zu viel Banales. Die ‚schlüpfrigen‘ Passagen wirkten auf mich deplaziert, die xenophoben haben mich offen gestanden erschreckt. Umsomehr als das Publikum gerade dann besonders lachte. Hier hätte sich die Möglichkeit einer Katharsis geboten (und ein Rether hätte sie genutzt), doch vor und auf der Bühne fühlte man sich wohl mit seinen Vorurteilen. Ist diese blinde Affirmation des „Verblendungszusammenhang[s]“ (M. Horkheimer / Th. Adorno) noch Kabarett oder schon Comedy? Der Erfolgt gibt Koczwara jedenfalls Recht und eine Antwort hat er schon gefunden. Denn auf seine Homepage führt, wie er am Ende des Abends verkündete, allen Ernstes und bar jeder Ironie auch folgende Domain: guteskabarett.de. Ein Hoch auf die déformation professionnelle auf beiden Seiten des Bühnengrabens.

Jan Hoffrogge studiert Germanistik und Geschichte in Münster. Als Westfale geht er zum Lachen in den Keller. Wenn er rechtswissenschaftliche Fachbegriffe nachplappert, amüsiert sich der hiesige V.i.S.d.P. nur noch königlich – obschon die Störerhaftung zumeist bei ihm liegt.
Die in diesem Beitrag vertretenen Meinungen decken sich mit denen des veröffentlichenden Autors. Da Jan Hoffrogge in Kürze den Geltungsbereich deutscher Gerichtsbarkeit Richtung Tartu verlassen wird, fühlt er sich vor jeglicher Verfolgung durch das LG Hamburg sicher.

1 Kommentar:

  1. Wenn ich in Depression verfalle wegen des Sprach- bzw. Schreibstiles der mich umgebenden
    Menschen, lese ich gerne in diesem Blog, auch wenn ich nicht immer den rechtlichen Hintergrund verstehe. Aber ich genieße die gute Diktion - besonders in diesem Gastbeitrag.
    Danke auch für die gute Rezession.
    Mein Großvater, auch Westfale hat nur gesprochen, wenn es notwendig war und im Keller gelacht, da dort die besten Weine lagerten.

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