Sonntag, 29. Juli 2012

Was ist eigentlich ... Bildungsurlaub?

Warum frage er denn solche Sachen? Schon aus dem Wortsinn ergibt sich doch recht klar: Das ist Urlaub, der nicht nur aus täglichem faulem Strandgelage besteht, sondern in dem es um die Bildung geht. Das höchste Gut in der Wissensgesellschaft! Der gemeine angestellte Wissensarbeiter tut in seinem Urlaub heutzutage ja kaum noch etwas anderes, mögen Sie einwenden.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ja, das mag man tun und auch so nennen. Aber der Bildungsurlaub, um den es mir geht, ist sogar gesetzlich geregelt (in Bayern selbstverständlich nicht - wo kämen wir denn da hin)!

Dieser Bildungsurlaub findet seine Grundlagen in internationalen Anstrengungen, mithin gäbe es ihn ohne den Friedensvertrag von Versailles nicht einmal. Aber der Reihe nach.

Wie allgemein bekannt sein dürfte, dauerte der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918. Formal beendet wurde er durch die Pariser Vorortverträge (mit dem Friedensvertrag von Versailles) 1919. Auch Teil der Pariser Vorortverträge war die Begründung des Völkerbundes, den bereits Woodrow Wilson in seinem 14-Punkte-Plan 1918 gefordert hatte, um nach den Schrecken des Großen Krieges dauerhaft Frieden und Gerechtigkeit in der Welt herzustellen. Durch Teile der Verträge wurde die ILO als ständige Einrichtung des Völkerbundes etabliert. ILO steht für International Labor Organization, und sie sollte sich für eine Vereinheitlichung des Rechts und Errichtung von Standards in den Mitgliedsstaaten einsetzen, welche der besseren Beachtung grundlegender Arbeitsrechte und der Idee der sozialen Gerechtigkeit dienen. Mit Gründung der Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 wurde die ILO als Sonderorganisation der UNO aufgenommen, und setzte dort ihre Arbeit fort.

Die ILO werkelte also herum, und irgendwann (genauer: am 24. Juni 1974, in Kraft getreten am 23. September 1976) erblickte Konvention Nr. 140 mit dem Titel Paid Educational Leave das Licht der Welt. Die Bundesrepublik ratifizierte das Abkommen am 30. November 1976 und hat es auch bisher nicht aufgekündigt (s. Art. 14 der Konvention Nr. 150). Nach Willen der Konvention Nr. 140 soll jedem Arbeiter und Angestellten eine bestimmte, bezahlte Zeit für arbeitsbezogene Bildung, Allgemeinbildung und Bildung im sozialen, gewerkschaftlichen oder politischen Bereich zur Verfügung zu stellen. In den vergangenen 36 Jahren ist der Bundesgesetzgeber leider nicht dazu gekommen, ein solches Gesetz, dass diese Rechte der arbeitenden Bevölkerung zugänglich macht, zu verabschieden (wahrscheinlich war er zu sehr beschäftigt, ein verfassungsgemäßes Wahlrecht hinzubekommen).

Die meisten Länder haben sich dagegen nicht lumpen lassen und 5 oder 6 Tage pro Jahr (evtl. vorhandene Kumulierungsmöglichkeiten ausgenommen) für einen solchen Bildungsurlaub bei anerkannten Veranstaltern von Bildungsreisen (zur Anerkennung als solche oder für die einzelnen Veranstaltungen müssen diese idR ein Verwaltungsverfahren durchlaufen) zur Verfügung gestellt. In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen existiert bisher kein solches Gesetz.

Besonders viele Menschen nehmen den Anspruch allerdings nicht wahr. Nach der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen (BT-Drs. 17/4786) werden statistische Daten zwar nicht flächendeckend erhoben, nicht mehr als 1-3% der Anspruchsberechtigten nehmen jedoch überhaupt Bildungsurlaub.

Ich hätte ja auch gerne bezahlt freigestellt von meinem Arbeitgeber für diesen Eintrag recherchiert. Aber erstens wohne ich in Bayern und zweitens denke ich, dass man fürs Gehalt auch hin und wieder mal zur Arbeit gehen sollte, so dass diese Möglichkeit leider nicht bestand.

Aber zumindest der werte Leser, welcher in seinen Sommerferien auf diesen Beitrag gestoßen ist, kann sich nun brüsten, mal wieder ein wenig für die Allgemeinbildung getan zu haben. Und das ganz ohne Schaden für das BIP.

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