Samstag, 7. Juli 2012

Mit Julia von Paris nach Konstantinopel

Für diesen Beitrag bietet das Recht ausnahmsweise mal nur den Rahmen des Geschehens.

Straßen – wir alle kennen sie. Wir wohnen in ihnen, wir fahren auf ihnen, wir überqueren sie, wir demonstrieren auf ihnen. Und es gibt verschiedene Straßen: Autobahnen, Bundesstraßen, Landstraßen, Kreisstraßen, Gemeindestraßen.

Gemeindestraßen haben dabei eine Besonderheit. Sie tragen einen Namen. Diesen können die Gemeinden bestimmen; in Bayern z.B. nach Art. 52 BayStrWG:
Die Gemeinden können den öffentlichen Straßen Namen geben und Namensschilder anbringen.
So viel zum rechtlichen Teil. Nun zum zweiten und wichtigeren Aspekt: Geschichte und der Umgang mit ihr.

Straßen gibt es schon sehr lange. Bekanntermaßen fleißige Straßenbauer waren die Römer, die auch in Germanien Straßen errichteten. So gab es etwa eine Militärstraße vom Kastell Guntia über Augusta Vindelicorum (Augsburg) nach Iuvavum (Salzburg). Genaues, insbesondere die Erbauungszeit, ist über die Straße nicht bekannt. Da sie im 19. Jahrhundert für ein Werk des Julischen Kaiserhauses gehalten wurde, gab man ihr den Namen „Via Julia“. Via Julia ist also ein frei erfundener, ahistorischer Name (bitte im Hinterkopf behalten).
 
Aus dem Kastell Guntia wurde im Lauf der Jahre die heutige Stadt Günzburg.  Dort ist man stolz auf die eigene römische Geschichte, die mit der Kastellgründung ca. 77 n.Chr. begann. Und man weiß auch, dass die Römer sich gut zur Vermarktung eignen. Dass der Umgang mit Geschichte dabei nicht immer von Redlichkeit geprägt ist, zeigt ein Vorgang, über den die Günzburger Zeitung berichtet.

Auf einem ehemaligen Betriebsgelände in der Günzburger Unterstadt entsteht ein Wohngebiet. Projektname: Via Julia Park. Die Erschließungsstraße braucht einen Namen. Und was läge da näher als Via-Julia-Ring? Dachte sich Bauunternehmer Harry Bendl und brachte in einem Schreiben an Oberbürgermeister Gerhard Jauernig schlagkräftige Argumente:
In einem Schreiben an den Oberbürgermeister führt Harry Bendl an, dass die Via Julia eine römische Straße sei, die Paris und Konstantinopel verbunden habe. Diese Straße habe durch Günzburgs Unterstadt geführt, an diesem Betriebsgelände vorbei, und sie erinnere an diesen Teil der Geschichte Günzburgs. Die Bezeichnung „Via Julia“ sei eine „italienische Bezeichnung, die auch ein Gefühl der Leichtigkeit und Fröhlichkeit“ vermittle, so der Bauunternehmer. Außerdem sei Via Julia ein weiblicher Begriff, der damit „dem Streben nach Aufwertung des weiblichen Geschlechts“ entspreche. 
Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Dank Harry Bendl wissen wir nun endlich Genaues über die sog. Via Julia. Sie muss nach 330 n.Chr. erbaut worden sein, denn vorher hieß Konstantinopel ja noch Byzantion. Auch ihren Verlauf kennt Harry Bendl ganz genau: sie verlief durch die Günzburger Unterstadt. Und es spricht einfach so viel für den Namen Via-Julia-Ring. Diese leichte und fröhliche italienische Bezeichnung. Ja, wer kennt und schätzt sie nicht? Die leichten Italiener, die noch heute das Latein Ciceros verwenden. Auch für Feministinnen ist der Name Via-Julia-Ring toll. Handelt es sich doch bei „Julia“ nicht etwa um das Adjektiv „julisch“, bei dem hier nur das Genus weiblich ist - nein, vielmehr ist natürlich der weibliche Vorname gemeint, der wiederum im von Bendl geschätzten Italienischen auch recht schön klingt: Giulietta.

SPD-Stadtrat und Vorsitzender des Historischen Vereins Günzburg Manfred Büchele, dem zu Recht „die Haare zu Berge“ standen, verwies darauf, dass es sich bei „Via Julia“ um einen zu Marketingzwecken erfundenen Namen handelt:
Günzburg, das etwas auf seine römische Geschichte hält, würde sich nun einen Namen geben, der eine blanke Geschichtsfälschung ist.
Seine Stadtratskollegen beeindruckte das nur teilweise. Insbesondere CSU-Stadträte warteten mit guten Argumenten auf. Der Name Via Julia sei mit positivem Denken verbunden. Er sei ein wunderschöner Name für eine Straße, in der man gerne wohne.

So kam es, wie es kommen musste. Italienisches Wohlfühlen siegte gegen geschichtliche Wahrheit. Mit 15:9 stimmte der Stadtrat für den Via-Julia-Ring.

Damit wurde dieser geschichtsfälschende Unfug nun besiegelt. Ob Touristen, die den Via-Julia-Radweg suchen, demnächst beim Via-Julia-Ring im Kreis radeln werden, bleibt abzuwarten.

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