Montag, 21. Mai 2012

Und (endgültig?) Tschüss – oder der Verlust von 8 Millionen Euro

Gastbeitrag von Lorenz Haidinger.

Fussball-Schande, Mega-Skandal – nur zwei Begriffe der Boulevardpresse, die das Relegationsspiel um die Bundesliga zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin begleitet haben. Heute folgte der erste Teil des Nachspiels: das Urteil des DFB Sportgerichts, das den Einspruch der Berliner zurückweist. Grund genug in einem kleinen Gastbeitrag das Urteil aus dem sonst eher unbekannten Gebiet des Sportrechts zu würdigen.

Schon jetzt ist klar, dass das Match nicht nur bei einer 22minütigen Nachspielzeit und einer Verlängerung beim DFB Sportgericht bleibt. Hertha legt Berufung gegen das heute ergangene Urteil beim DFB Bundesgericht ein. Damit geht das Match in eine zweite Verlängerung! Und für die Hertha geht es dabei um richtig viel: mindestens 8 Millionen Euro weniger aus der Vermarktung der TV-Rechte und dazu der (nicht geringe) Verlust von Sponsorengeldern. Heute nun die erste juristische Niederlage. Doch was sind die Gründe, weshalb Hertha auch vor Gericht unterlegen ist? 

Zusammengefasst heißt es, dass „kein Einspruchgrund nachzuweisen war“. Im Einzelnen:
1. Die Spielfortsetzung nach der 20minütigen Unterbrechung durch Schiedsrichter Wolfgang Stark war eine sog. „Tatsachenentscheidung“. 
Diese Entscheidung des Schiedsrichters wird vom Sportgericht grundsätzlich – außer bei krassen Ermessensfehlern – nicht überprüft. Beispielsweise wird ein Spieler bei klaren, unberechtigten Roten Karten gesperrt. Dabei betonte heute der Vorsitzende Sportrichter Hans E. Lorenz ausdrücklich, dass Wolfgang Stark zu jedem Zeitpunkt sich regelkonform verhalten hat. 

2. Benachteiligungen lagen für beiden Mannschaften vor.
Bereits nach dem 2:1 für Düsseldorf wurde im Hertha-Block Pyrotechnik abgebrannt, was zu einer längeren Unterbrechung führte. Das benachteiligte auch die Fortuna. Insbesondere gingen zwei von drei Unterbrechungen von der Hertha Kurve aus.

3. Keine feindselige Haltung der Fortunafans
Die Fans stürmten mit der Absicht aufs Feld, um zu feiern. Zu keinem Zeitpunkt wurden Spieler der Hertha bedroht oder körperlich angegangen. Eine reine psychologische Beeinträchtigung sei nicht hinreichend nachgewiesen worden. „Es ist richtig, dass jede Unterbrechung zu Rhythmusstörungen führt. Diese Unterbrechungen waren aber für beide gleich.“ 

Doch es bleiben Fragen nach diesem Urteil offen: 
1) Was wäre passiert, wenn Hertha in den letzten 90 Sekunden ein Tor geschossen hätte? Es ist kaum vorstellbar, dass sich die Fortuna Anhänger friedlich verhalten hätten. 

2) War die Sicherheit der Spieler zu jedem Zeitpunkt gewährleistet? Dies ist kaum anzunehmen, wenn Richter Lorenz feststellt, dass der „Ordnungsdienst total versagt hat“. 

3) Kann es überhaupt einen „positiv besetzten Platzsturm“ geben? Wenn Zuschauer auf das Feld stürmen, das Spiel 20 Minuten unterbrechen, den Rasen ausreißen und Eckfahnen mitnehmen, ist das alles eine feine Sache, solang sie nur feiern wollen. Kollateralschaden – insbesondere für den Fußball an sich – inklusive!

4) Müssen Spieler verletzt werden, damit ein Spiel nach Unterbrechung abgebrochen werden kann? Insbesondere reiche eine psychische Beeinträchtigung nicht, denn „wenn in Zukunft ein dunkelhäutiger Spieler von Fans rassistisch beleidigt wird, dann könnte fortan jeder Klub wegen psychischer Beeinträchtigung Einspruch einlegen.“ Diese Argumentation erscheint in Zeiten von Anti-Rassismus-Kampagnen eine sehr fragwürdige Argumentation!

Letztlich ist das Urteil politisch motiviert. Denn zum einen muss die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters am Platz gewahrt und gestärkt werden. Zum anderen hat die Hertha ein Verhalten an den Tag gelegt, was nicht ansatzweise akzeptabel ist und seinesgleichen sucht: Wolfgang Stark wurde nach dem Spiel geschlagen, bespukt bespuckt und beleidigt. Vor dem Prozess wurde von „Todesangst“ und „Blutbad“ gesprochen – es gibt wohl kaum einen Richter, der sich von martialischen Wortgespiele eines Anwalts beeindrucken lässt.

Das letzte Urteil ist aber noch nicht gesprochen. Zum einen entscheidet letztinstanzlich das DFB Bundesgericht und zum anderen kündigte Richter Lorenz bereits an, dass Fortuna für einen Ordnungsdienst bezahlen wird, der „total versagt hat“. Denn die Bundesligatauglichkeit müsse nicht nur auf dem Platz nachgewiesen werden. Auch die Hertha wird noch für ihre Anhänger mit einer saftigen Strafe rechnen dürfen. Nach dem heutigen Urteilsspruch müssen nun die Vereine der schlagenden Spieler und Fans, die mit scharfen Messern den Elfmeterpunkt aus dem Rasen schneiden und Pyrotechnik mitbringen, mit aller Härte bestraft werden. Gleichzeitig ist die Hertha genau da, wo sie hingehört – in der zweiten Liga! 

Lorenz Haidinger ist Jura-Kommilitone der Blog-Autoren und in seiner Freizeit Fußball-Schiedsrichter. Die in diesem Beitrag vertretenen Meinungen decken sich nicht notwendigerweise mit denen des veröffentlichenden Autors.

Kommentare:

  1. Vom Bespuken ist mir nichts bekannt, aber bespuckt wurde Stark in jedem Fall *GGG

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    1. Danke für den Hinweis. Ich habe den Artikel in Absprache mit dem Autor nochmal dahingehend bearbeitet.

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