Montag, 14. Mai 2012

Obacht beim Zitieren

Das genaue Zitieren gehört zum Handwerkszeug eines guten Juristen.
So steht es im Hemmer-Skript Strafrecht AT II. Völlig zu Recht. Juristisches Arbeiten zeichnet sich generell durch Genauigkeit aus. Dazu gehört auch, dass Normen genau zitiert werden.

Schade ist nur, dass sich die Autoren der Hemmer-Skripte selbst nicht daran halten. Ein Beispiel enthält das Skript Strafrecht BT I. Dort wird unter anderem auch der schwere Raub, § 250 StGB, behandelt:
(1) Auf Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren ist zu erkennen, wenn
1. der Täter oder ein anderer Beteiligter am Raub
a) eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug bei sich führt,
b) (...)
c) (...)
2. (...)
Im Hemmer-Skript wird nun zitiert:
§ 250 I Nr. 1a
Diese Zitierweise ist leider falsch. In § 250 Abs. 1 gibt es keine Nr. 1a. Auf Nr. 1 folgt gleich Nr. 2. Eine Nr. 1a wurde nie eingefügt. Im Vergleich dazu Art. 93 GG:
(1) Das Bundesverfassungsgericht entscheidet:
1. (...)
4. (...)
4a. über Verfassungsbeschwerden, die von jedermann mit der Behauptung erhoben werden können, durch die öffentliche Gewalt in einem seiner Grundrechte oder in einem seiner in Artikel 20 Abs. 4, 33, 38, 101, 103 und 104 enthaltenen Rechte verletzt zu sein;
4b. (...)
Hier wurde Nr. 4a 1969 neu eingefügt (die Verfassungsbeschwerde war vorher nur im BVerfGG geregelt).

Der Unterschied ist also eigentlich offensichtlich: Bei § 250 Abs. 1 StGB wird eine Nummer durch Buchstaben weiter untergliedert; bei Art. 93 GG wurde eine Nummer neu eingefügt und ist deshalb mit einem Buchstaben versehen.

Dieser Unterschied schlägt sich auch in der Zitierweise nieder. Korrekt sind:
Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG
§ 250 Abs. 1 Nr. 1 lit. a StGB
„lit.“ steht dabei für littera („Buchstabe“). Alternativ kann auch das deutsche Wort Buchstabe („Buchst.“) verwendet werden. Wer in der Klausur mit „lit.“ zitiert, zeigt, dass er mit dem Gesetz nicht oberflächlich, sondern präzise umgeht. Und das ist doch schon mal der erste Grundstein für eine saubere Subsumtion.

Update: Ein Leser hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass auch die Bundesgerichte die falsche Zitierweise anwenden. In der Tat strotzt etwa ein Beschluss des 4. Strafsenats vom September 2011 zum schweren Raub nur so vor Fehlern der oben beschriebenen Art (In den Orientierungssätzen von juris wird hingegen konsequent „Buchst.“ benutzt). Insoweit ist also auch dem BGH Schlampigkeit vorzuwerfen. Jurastudenten rufe ich weiterhin dazu auf, es besser als der BGH zu machen und richtig zu zitieren.

Kommentare:

  1. Das ist an sich schon richtig. Da es aber, soweit ersichtlich, im gesamten deutschen Recht keine Vorschrift gibt, bei der die "falsche" Zitierweise zu Missverständnissen führen könnte, und deshalb auch kein oberstes Bundesgericht ein Problem damit hat, selbst die "falsche" Zitierweise anzuwenden, sollte man vielleicht mit den Skript nicht so streng sein.

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  2. Ist es nicht möglich, dass sich damit eine neue ZItierweise durchegsetzt hat und diese damit richtig wird? Schonmal überlegt? Kann mich nicht erinnern in meinem Studium jemals auch nur 1 Professor gehabt zu haben, der selbst mit § 250 Abs. 1 Nr. 1 lit. a StGB zitiert hat, noch dies als falsch erachtet hat. In der Praxis ist das sowieso kein Problem. Sollte ein Prof auf die alte Zitierweise bestehen, lasse ich mich gerne belehren. Grüße aus der Praxis!

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    1. Wäre ja nicht das erste Mal, dass sich in der Praxis Dinge durchsetzen, die falsch sind. Die falsche Zitierweise ist auch ein Symptom dafür, wie Gerichte mit dem Gesetz umgehen.

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