Mittwoch, 21. März 2012

Zeugnis des Unrechts

Mein Kollege berichtete hier bereits vom Querulanten als Gruppe bestimmter Personen, die sich vor Gericht oftmals nicht sachdienlich einlassen.

Vielleicht als Untergruppe gibt es dann noch den ewigen Rechthaber, dem ich heute begegnen durfte. Sein Kurzprofil:

Der Rechthaber ist mit sich selbst im Reinen. Er weiß, er hat den moralisch höheren Stand, aus reiner Toleranz nimmt er am Prozess teil. Zeugen braucht er nicht, auch sonst sind Beweisanträge überflüssig. Er weiß selbst, wie es gewesen und wie es nicht gewesen ist und das ohne Fehl! Ein Richter, der sich um Gehör für beide Seiten bemüht und versucht, den Sachverhalt aufzuklären, wird nur müde belächelt. Der Rechthaber ist nicht selbst Anwalt, doch braucht er vor Amtgerichten ja auch keinen - um so besser, die paar Gesetze hat er alle schonmal durchgelesen.

Ja, ich denke, ungefähr so darf man ihn (oder selbstverständlich auch sie) einschätzen. In dieses Muster passen dann auch Äußerungen, die etwa so klingen:
Richter: Die Zeugen waren meiner Ansicht nach ziemlich glaubwürdig, ich sehe auch keinen Grund, warum sie hier lügen sollten. Wenn man die Aussagen wertend betrachtet, komme ich derzeit wohl eher zu einer Klageabweisung. Wollen Sie sich dazu irgendwie äußern? 
Rechthaber/Kläger: Ich weiß nunmal, wie es gewesen ist, ich erinnere mich sehr genau. Wenn es so gelaufen wäre, wie die Zeugen behaupten, würde ich mich doch daran erinnern! Ich muss wohl nach Ansicht des Gerichts Alzheimer haben ... 
Beklagtenanwalt: Sie wollen doch nicht behaupten, dass Sie nie einen Fehler begehen oder irgendetwas vergessen?! 
Rechthaber/Kläger: Ich bin Unternehmer, ich mache keine Fehler!
Auf diese Weise kommt man hier wohl kaum weiter. Der Richter versuchte es trotzdem nochmal.
Richter: Wollen Sie nicht vielleicht kurz über eine Klagerücknahme ...
Rechthaber: Nein!
Richter: ... nachdenken? Wenn ich ein Urteil fällen muss und das würde nach dem derzeitigen Stand der Dinge eher zu Ihrem Nachteil ausfallen, dann könnten Sie sich zumindest die Kosten sparen.
Rechthaber: Nein, das müssen schon Sie mit Ihrem Gewissen vereinbaren, ein solches Fehlurteil zu fällen. Ich werde dann eben in Berufung gehen.
Richter: Aber der Streitwert reicht gar nicht für eine Berufung. Sie könnten natürlich eine Verletzung des rechtlichen Gehörs rügen, aber ... ich habe Sie ja gehört, die wäre dann unbegründet.
Es kam, wie es kommen musste. Das Urteil fiel zugunsten der Beklagten aus. Der Rechthaber war aber zumindest moralisch zufrieden. Man hörte ihn murmeln, nun bekäme er das Zeugnis, dass ihm solch großes Unrecht widerfahren sei, zumindest schwarz auf weiß.

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