Donnerstag, 29. März 2012

Das Tatort-Drehbuch im P2P-Netz

Vor allem auf Twitter wird gerade der offene Brief von 51 Drehbuchautoren (genauer gesagt, Tatort-Autoren) sehr hitzig debattiert bzw. zerpflückt. Einen Beitrag, der sich sachlich mit dem Urheberrecht auseinandersetzt, kann ich dazu ganz besondern empfehlen: Müssen wir uns vom Konzept des geistigen Eigentums verabschieden? von RA Stadler auf Internet-Law. Eigentlich ist die ganze Kategorie dort zum Urheberrecht sehr lesenswert.

Die Autoren (in doppelter Hinsicht) sprechen in ihrem Brief davon, dass sich die Gegner des Urheberrechts in seiner jetzigen Form, auszugsweise nach ihrer Ansicht wohl vertreten von den Parteien Bündnis'90/Die Grünen und Piratenpartei, sowie der immer wieder gern zitierten und ominösen Netzgemeinde von einigen „Lebenslügen“ zu verabschieden hätten. Diese Lügen ließen sich aus Art. 27 der „Menschenrechte“ ableiten. Welche Menschenrechte hier gemeint sind, lässt sich nicht sagen. Weder die EMRK noch die ICCPR sind wohl gemeint, denn keine davon enthält in ihrem Art. 27 etwas zu Urhebern oder freien Zugang zu Kunst und Kultur. Auch in sonst keinem Schriftstück, dass auf irgendeiner staatlichen Ebene Grund- und Menschenrechte postuliert, konnte ich diesen Artikel finden, werde mich aber über jeden Kommentar mit einem Link o.ä. freuen.

(Update: Mein Kollege wies mich gerade darauf hin, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gemeint war.)

Die beiden Lebenslügen erschöpfen sich dann auch in der Forderung, doch einmal die Auffassungen der Gegner zu beweisen (ein Argumentationsweise, die mich unwillkürlich an amerikanische Kreationisten erinnerte, die oft fordern, man solle doch einfach Gott widerlegen und dann würden auch jene Kreationisten Atheisten werden) und in dem Vorwurf der Kostenloskultur im Netz.

Das geistige Eigentum als solches wird sodann zu einem Grundrecht hochstilisiert. Dass schon das Sacheigentumsrecht gem. Art. 14 GG durch vielfache Inhalts- und Schrankenbestimmungen teilweise erheblich eingeschränkt ist, wird dabei übersehen. Stattdessen sehen die Drehbuchautoren im Immaterialgüterrecht (das sie scheinbar als etwas anderes als das geistige Eigentum ansehen - über die Benennung dieser Rechte an immateriellen Gütern herrscht seit nunmehr über 100 Jahren ein juristische Meinungsstreit) ein  „ultimatives“  und schrankenloses zu gewährendes Recht.

Im nächsten Absatz liest man zumindest zwischen den Zeilen, dass die derzeitige Regelschutzfrist von 70 Jahren p. m. a. gem. § 64 UrhG nach Ansicht der Drehbuchautoren viel zu kurz sei bzw. ihr eine Daseinsberechtigung überhaupt abgesprochen wird. Daraufhin wird wieder der Gesetzgeber angerufen, der doch bitte die Stellung der Urheber verbessern solle.

Mal davon abgesehen, dass der ganze Text von Widersprüchen und Fehlern nur so strotzt: die Verwertungsgesellschaften seien einerseits das einzige, was heutzutage einen guten Film/Buch/etc. noch möglich mache; zwei Sätze dahinter fordert man, dass die Stellung der Urheber in Verhandlungen mit Verwertern verbessert werden müsse. Auch würden zwar 600.000 Abmahnungen verschickt, aber das Urheberrecht ließe sich einfach nicht durchsetzen.

Die Urheber und kreativen Berufe sollten endlich einsehen, dass sie nun am Zug sind. Ihr Geschäftsmodell hat zu früheren Zeiten offensichtlich funktioniert. Doch wie jede Branche, muss sich auch diese irgendwann den gesellschaftlichen Realitäten anpassen und auf die Marktsituation einstellen. Es gibt durchaus einen Grund, warum es heute nur noch wenige staatlich verordnete Monopole gibt (was der Urheberrecht in der jetzigen Form durchaus ist). Die Verwertungsindustrien haben diese Entwicklung größtenteils verschlafen und zahlen nun den Preis dafür. Diesen Preis von der Allgemeinheit wieder zurückzuverlangen ist meiner Ansicht nach in etwa genauso moralisch verwerflich, wie sich als Bank nur mittels staatlicher Bailouts am Leben halten zu können.

Kommentare:

  1. Gemeint ist Art. 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (im Grunde schon DIE Quelle der Menschenrechte, wenn auch nicht völkerrechtlich verbindlich):
    http://www.ohchr.org/EN/UDHR/Pages/Language.aspx?LangID=ger

    Und eher als im ICCPR muss man das Urheberrecht im ICESCR suchen:
    http://www.admin.ch/ch/d/sr/0_103_1/a15.html

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach Mist, über die hatte ich doch grade noch was gebloggt und gerade da schau ich nicht nach ...

      Löschen
  2. Mir ging, des Polemisierens in diesen Dingen eigentlich längst müde, bei der Lektüre des Drehbuchautoren-Briefes nur noch durch den Kopf:
    In der Darstellung von juristischen Problemen waren Fernsehkrimis ja immer schon sehr - sagen wir - verwegen. Da soll sich noch einmal jemand über allzuständige Staatsanwälte, im Gerichtssaal umherwandelnde Advokaten oder lustig folternde Polizisten wundern.

    AntwortenLöschen