Mittwoch, 11. Januar 2012

Wissenschaft, Praxis, Studium: Wirklich so große Unterschiede?

Die acht Thesen Professor Möllers im Verfassungsblog waren ja bereits Thema in diesem Blog. Auch ich möchte nun noch ein paar Worte zum Thema verlieren.

Reduzierung der Studienplätze
Zuallererst einmal: die Reduzierung der Studienplätze (vulgo eine Absenkung des numerus clausus) scheint auf den ersten Blick keine schlechte Möglichkeit zu sein, die Universitäten zu entlasten und das Studium damit auch für die Studenten attraktiver zu machen. Von den Studienanfängern an der LMU zum Wintersemester 2010 sind inzwischen noch grob geschätzt zwei Drittel übrig. Hätte das inzwischen fehlende Drittel gar nicht erst das Jurastudium begonnen, wäre die Betreuung gerade in den Anfangssemestern deutlich besser ausgefallen – sofern man dieselbe Zahl an Übungen und Gruppen im Münchner Grundkurssystem beibehielte, versteht sich. Und da liegt auch schon die erste Crux: Wenige Studenten bedeuten bis zu einer gewissen Anzahl bessere Forschungs- und Lehrmöglichkeiten; eine Einschätzung, die man aus der Beobachtung weniger frequentierter Studiengänge wie etwa die Theologien leicht gewinnen kann und die sich gegenüber Massenstudiengängen wie BWL leicht bestätigen lässt. Überschreitet man diese aber einmal (und das tun gewiss auch noch 500 statt 700 Studienanfänger), wird der Aufwand irgendwann zu groß und es wird nur noch das nötigste geleistet, der Quotient Student/Professor wächst rapide und eine starke Verschulung tritt ein. Die rechtswissenschaftliche Ausbildung befindet sich in diesem Stadium schon Jahre.

Was m’colleague auch bereits angesprochen hat, wäre eine Auswahl der Studienbewerber anhand anderer Kriterien als nur der Abiturnote wünschenswert. Das hat zweierlei Gründe: Erstens sagt die Abiturnote sehr selten etwas über die Geeignetheit zum juristischen Studium aus. Ich bin mir selbst nicht sicher, welche einfach zu ermittelnde Kennzahl etwas darüber auszusagen in der Lage wäre. RA Nebgen hat sich mit dieser Thematik ja auch bereits beschäftigt und ist meiner Ansicht nach zu einem ganz vernünftigen Ergebnis gekommen. Sieht man sich diese von ihm aufgestellten drei Bestandteile des erfolgreichen Jurastudenten (Fleiß, Glück und Gespür für die Erwartung des Prüfers) aber genauer an, erkennt man, dass mit einer objektiven Einschätzung hier nicht viel zu holen ist.

Schulfach Recht
Die meiner Meinung nach einzige wirklich sinnvolle Möglichkeit, auch für werdende Juristen einen nachvollziehbaren Benchmark erstellen zu können, noch bevor sie ihr Studium aufnehmen, wäre eines verpflichtenden Schulfaches Rechtskunde; eigenständig, außerhalb des nicht selten pädagogisch eher unzureichend gelehrten Wirtschaft & Recht, das den Kaufvertrag und die GuV-Rechnung in einem Atemzug nennt und weder das eine noch das andere fundiert zu beschreiben weiß. Recht aus dem BGB AT und die Grundrechtsprüfung kann man auch als Schüler schon durchblicken. Das Recht durchzieht unsere Gesellschaft ohnehin in jedem Bereich und eine irgendwie geartete Grundausbildung darin würde keinem schaden – aber dem zukünftigen Studenten und seiner zukünftigen Uni wäre eine Möglichkeit gegeben, wie sie Mathematik, Physik, Biologie, Chemie, Anglistik und viele andere auch schon seit geraumer Zeit haben: die einer Grundeinschätzung der Geeignetheit. 

Politische Realität
Diese Forderung bleibt wohl – wenn überhaupt – Zukunftsmusik. Dazu muss man sich nur ansehen, wozu es führt, versucht man eine Institution wie das Gymnasium zu ändern. Proteste gegen G8, Gesamtschulen, das dreigliedrige Schulsystem lassen nicht unbedingt auf ein tief in der Bevölkerung verwurzeltes Reformbedürfnis im Bildungsbereich schließen.

Damit nicht genug. Auch auf Uniseite sieht die Lage alles andere als rosig aus. Juristen, Hochschullehrer und die Justizminister der Länder stellen sich mit Nachdruck jedem Versuch der Änderung des Jurastudiums entgegen – bei sinnvollen Einrichtungen wie den Staatsexamina eine erfreuliche Grundhaltung. Aber auch (möglicherweise) ansprechende Lösungen für das Dilemma würden immer auf Widerstand suchen, zumindest von einer Seite der politischen Diskussion. Und wie so oft würde ein eventueller Kompromissvorschlag den eigentlichen Zweck nicht erreichen, sondern ihm oftmals gar entgegenstehen.

Ein Lichtblick: die Hausarbeit
Die einzige, auch bereits von Möllers angesprochene, und wegen ihrer geringen „Eingriffsintensität“ vielleicht umsetzbare Forderung wäre eine Stärkung des Anteils von Haus- und Seminararbeiten an den Zwischennoten im Studium, vielleicht sogar am Staatsexamen. Und dem ist nicht nur so, weil die Falllösung über den Zeitraum von etwa einem Monat durch eingehende Recherche eines teilweise unbekannten Rechtsgebietes der juristischen Praxis in Kanzlei, Gericht und Unternehmen am Nächsten kommt. Sondern weil sie genauso, auf der anderen Seite, dem explizit rechtswissenschaftlichen Arbeiten ähnlich ist.

Niemals sonst im Studium kann man ein Thema, einen Teilaspekt des Rechts so gründlich lernen wie durch die Erstellung und Recherche für eine Hausarbeit. Das Zusammentragen und Auswerten von Informationen, das Abwägen von Meinungen in verschiedenen Aufsätzen nach eigenem Gewissen – ohne, dass es einem der Prof im Skript vorkaut –, vielleicht sogar einmal das Erkunden einer eigenen Meinung, mach das rechtswissenschaftliche Arbeiten doch gerade aus. In der Klausursituation, wo es eher um das Abfragen auswendig gelernter Meinungsstreits geht, die man zwar ein bisschen in Relation zum Sachverhalt setzen sollte, was aber i.d.R. nicht das große Problem in der Klausur darstellt, gibt es diese Möglichkeit nicht.

Mir persönlich machen Hausarbeiten selbst zu eher ungeliebteren Rechtsgebieten trotzdem und vielleicht sogar umso mehr Spaß, während Klausuren eher ein notwendiges Übel darstellen. Kein (guter) Anwalt und kein (guter) Professor schreibt einen Schriftsatz oder ein Gutachten einfach mal schnell runter, ohne danach nochmal drüberzusehen, etwas auszubessern, doch noch eine Position näher umreißen und besser begründen zu können. Gerade diese Möglichkeit zur Selbstreflexion fehlt in Klausuren grundsätzlich gänzlich – zumindest, solange man kein verrücktes Genie mit unglaublich flinkem Stift ist - während die Hausarbeit es gerade darauf anlegt, den Studenten zu einem solchen Arbeiten zu bewegen.

Fazit
Die öffentliche Diskussion führe ich hiermit wohl fort und unterstütze gleichzeitig den letzten Punkt von Möllers Thesenpapier. Ideell wie auch praktisch.

1 Kommentar:

  1. hervorragender Beitrag

    zur Quali der Profs hier noch ein aktueller Link

    http://www.diebewertung.de/?p=117668

    AntwortenLöschen