Dienstag, 10. Januar 2012

Jura und Wissenschaft

Über die Wissenschaftlichkeit des Jurastudiums habe ich ja bereits vor ein paar Tagen geschrieben. Nun hat Professor Christoph Möllers gestern im Verfassungsblog acht Thesen zu diesem Thema formuliert. Einige Punkte davon halte ich für sehr wichtig.

Zum Staatsexamen schreibt Möllers:
Das Staatsexamen verkoppelt das Rechtsystem mit der Rechtswissenschaft. Durch das Examen bekommt die deutsche Rechtswissenschaft eine besondere gesellschaftliche Relevanz und relativ großen gesellschaftlichen Einfluss. Zugleich ist die Examensfixierung ein großes Hindernis für die Verwissenschaftlichung der Disziplin. (...) Was tun, wenn man das Examen nicht abschaffen will? Die Theorie ins Staatsexamen packen und das bedeutet: Wissenschaftsfähige Nebengebiete wie Rechtsphilosophie, Rechtsgeschichte, Rechtsvergleichung, Rechtssoziologie und Rechtspolitik als Pflichtfächer zu definieren und zum Prüfungsstoff zu machen. „Recht im Kontext“ muss in die Prüfung. Die Rückwirkungen auch für die Forschung wären immens.
Dass die Grundlagenfächer eine größere Rolle spielen und stärker mit der Rechtsdogmatik verknüpft werden müssen, habe ich ja bereits gefordert. Ich denke jedoch, dass die Rechtsdogmatik Kern des Staatsexamens sein sollte. Die Aufgabe des Juristen ist eben vor allem die Anwendung des Gesetzes auf Fälle. Die Nebengebiete könnten dabei durch (eher theoriefokussierte) Zusatzfragen abgedeckt werden, sodass auch ein Prüfungsanreiz entsteht, diese Gebiete zu behandeln.

Des Weiteren gebe ich Möllers Recht, wenn er eine Reduzierung der Studienplätze fordert. Dies würde die Fakultäten entlasten und Kapazitäten für Lehre und Forschung frei machen. Nur so können die Lehrbedingungen verbessert werden. Sieht man sich die hohe Abbrecherquote an, erscheint die große Anzahl an Anfangsstudienplätzen ohnehin als geradezu irrwitzig. Deshalb wäre es sinnvoll, von vornherein weniger Studenten zum Studium zuzulassen. Dabei könnte auch darüber nachgedacht werden, außer der Abiturnote noch andere Kriterien für die Zulassung zu bestimmen, um sicherzustellen, dass den Studenten Jura liegt und sie ihr Studium möglichst erfolgreich beenden werden.

Zum Praxisbezug des Jurastudiums schreibt Möllers:
Die Ausbildung ist zu wenig theoretisch – sie ist aber zugleich zu wenig praktisch. Die einzige Prüfungstechnik, die wirklich Ähnlichkeit mit der juristischen Praxis hat, die Fall-Hausarbeit, tritt gegenüber Klausuren mehr und mehr zurück. (...) Neben einer Verknappung der Studienplätze wäre mehr Phantasie bei der Ausgestaltung der Lehrveranstaltungen gefragt: Moot Courts sind hier ein wichtiges Vorbild, die Einführung von Law Clinics, die Lehre von juristischen Schreiben jenseits des armseligen so genannten „Gutachtenstils“ – auch Gutachten können gut geschrieben sein – wären andere.
Dem möchte ich widersprechen. Das Jurastudium dient nicht dazu, die Studenten auf bestimmte Berufe vorzubereiten. Sondern es hat der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Recht zu dienen. Im Zentrum des Studiums müssen deshalb Rechtsdogmatik und die Grundlagenfächer stehen. Dass juristisches Schreiben oft in einem abgeflachten Gutachtenstil besteht, ist nicht der Praxisferne, sondern der Fixierung auf die Falllösung geschuldet. Nötig wäre hier zweierlei: Erstens müsste den Studenten eine solide juristische Methodik zum kreativen und kritischen Umgang mit juristischen Argumenten, wie ihn ja auch Möllers fordert, gelehrt werden. Zweitens müssten neben regelmäßigen Hausarbeiten auch mehr Seminararbeiten im Studium verlangt werden, gerade etwa zur Behandlung der Grundlagenfächer. So könnten die Studenten eine juristische Sprache jenseits des Gutachtenstils, eine, die Dinge präzise auf den Punkt bringt, ohne sprachlich zu verflachen, erlernen.

Schließlich ist Möllers letzter Punkt zu unterstützen. Wir brauchen eine öffentliche Diskussion über das Jurastudium, zwischen Studenten, Hochschullehrern und Praxis.

Update: Auch jurabilis widmet sich diesem Thema. Ebenso wie hier wird eine Verknüpfung von Rechtsdogmatik und Grundlagenfächern gefordert. Besonders interessant ist aber die Kritik an der Fallbezogenheit des Jurastudiums. In diesem Punkt kann ich nur voll zustimmen. Die Examensvorbereitung ist der geeignete Ort, um sich auf Falllösung und Meinungsstreits zu konzentrieren. Das Grundstudium aber sollte eine solide Basis an dogmatischem Wissen, verbunden mit Nebengebieten wie Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie etc., und Methodik vermitteln. Nur mit dieser Basis können Studenten unbekannte Fälle in Angriff nehmen und ihre eigene juristische Argumentation entwickeln.

Kommentare:

  1. Warum ist nur von Studenten und Juristen die Rede? Gender-gerechter wäre es von Studierenden, Student*innen oder Studen_innen sowie Jurist*innen oder Jurist_innen zu sprechen.

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    1. Ihre Kritik basiert auf der Annahme einer Kongruenz von Genus und Sexus. Ich ziehe es jedoch vor, zwischen beiden zu unterscheiden. Deshalb verwende ich nur die Begriffe Student und Jurist (wenn, dann würde ich das Binnen-I verwenden, nicht die von Ihnen vorgeschlagenen Varianten mit Sonderzeichen - also: StudentInnen).

      Für den Begriff "Studierende" verweise ich auf die Seite des ZAAR München, auf der Volker Rieble den großartigen Max Goldt zitiert:
      http://www.zaar.uni-muenchen.de/studium/studenteninfo/student_prof/student/index.html

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