Freitag, 6. Januar 2012

Die Wissenschaft vom Recht

Nachdem m’colleague hier auf den Aufsatz von Röhl hingewiesen hat, möchte ich noch ein paar Gedanken zum Thema Wissenschaftlichkeit des Jurastudiums äußern.

Dass an der Wissenschaftlichkeit der Rechtswissenschaft gezweifelt wird, liegt sicherlich an ihrem Gegenstand, dem (positiven) Recht. Dieses wird nicht natürlich vorgefunden, sondern ist vom Menschen geschaffen. So geht es allerdings auch anderen Geisteswissenschaften, wie Geschichte, Literaturwissenschaften oder Kunstgeschichte. Was an der Rechtswissenschaft besonders ist, ist die Rechtsdogmatik. Hier beschäftigt sich die Rechtswissenschaft ausschließlich mit Normen, sie ist Normwissenschaft, ganz ähnlich der Theologie.

Das Recht ist jedoch gesellschaftlich verwurzelt, sowohl in seiner Entstehung als auch in seiner Wirkung. Recht wissenschaftlich zu erforschen, muss deshalb auch diese beiden Aspekte umfassen mittels der sog. Grundlagenfächer wie Rechtsgeschichte, Rechtsphilosphie und Rechtssoziologie. Diese Grundlagenfächer sollten im Studium weniger stiefmütterlich behandelt werden, vielmehr müsste ihre Verbindung zum positiven Recht aufgezeigt werden. Die Grundlagenfächer dürfen nicht der externe Blick auf das Recht sein, sondern vielmehr soll der Jurist sich der Methoden anderer Fächer (wie etwa der Soziologie) bedienen, um sein wissenschaftliches Objekt, das Recht, zu untersuchen. Der Rechtsdogmatik kommt in diesem Gefüge die Aufgabe des, wie Röhl schreibt, strictly legal point of view“ (und der Systematisierung des Rechts) zu. Die Rechtswissenschaft betrachtet Lebensvorgänge eben aus der genuin juristischen Perspektive, also der des positiven Rechts. Dies darf sie jedoch nie unter Nichtbeachtung gesellschaftlicher Wirklichkeit tun. Um diese Verbindung herzustellen, müsste mehr mit ökonomischer Analyse, Kriminologie und der (leider fast völlig unerforschten) Rechtspsychologie gearbeitet werden.


Dass das juristische Studium sich aber fast nur auf eine isoliert betriebene Rechtsdogmatik konzentriert, dürfte am Staatsexamen liegen. Dieses ähnelt zu sehr einem Einpaukexamen. Inhalt des Examens müsste es sein, den strictly legal point of view“ anzuwenden, also Lebensvorgänge mit dem positiven Recht zu untersuchen, d.h. letztlich zu subsumieren. Welchen Sinn es dabei haben soll, stupide Strafrechtsdefinitionen, BGH-Entscheidungen oder Meinungsstreits ohne tieferes Verständnis der Argumente auswendig zu lernen, erschließt sich mir nicht. Es sollte vielmehr im Examen darum gehen, das Gesetz methodisch korrekt auf den gegebenen Fall anzuwenden. Dies würde allerdings voraussetzen, dass rechtstheoretisch eine saubere, konsentierte Methodenlehre erarbeitet, konsequent in Rechtsprechung und Literatur angewendet und im Studium vermittelt würde. Nur so könnte sichergestellt werden, dass – wie Röhl schreibt –
es nicht immer richtige, sondern oft nur vertretbare Lösungen gibt, und dass die herrschende Meinung kein wissenschaftliches Argument ist.
Das Jurastudium würde dann die Methodik der Rechtsanwendung vor dem Hintergrund der historischen Entstehung des Rechts und seiner gesellschaftlichen Wirkungen vermitteln.

Abschließend sei mir noch ein Wort zur Gerechtigkeit im Jurastudium erlaubt. Gerechtigkeit ist meines Erachtens das Ziel von Recht. Die Aufgabe von Recht in unserer Gesellschaft ist, die Verwirklichung des Menschenbilds des Grundgesetzes, also des sich in freier Selbstbestimmung in Gemeinschaft mit anderen entfaltenden Individuums, zu sichern und in diesem Sinne Gerechtigkeit zu schaffen. Das Ziel des Rechts gehört jedoch zur Sphäre der Rechtspolitik. Rechtsdogmatisch kann die Gerechtigkeit hingegen keine Kategorie sein. Der Jurist hat das Recht nicht mittels rechtspolitischer Vorstellungen anzuwenden. Er ist aber dazu berufen, die (aus der Idee der Gerechtigkeit stammenden) Wertungen des Gesetzgebers herauszulesen und das Recht in deren Licht auszulegen. Hierfür aber bedarf es wiederum sowohl einer klaren Methodik als auch der Kenntnisse gesellschaftlicher Realität.

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